„Traditionelle Rollen hinterfragen“: Schlusskapitel des Prüfberichts von Monika Wulf‑Mathies zum Thema MeToo im WDR

24.09.2018 • Am 12. September 2018 hat frühere EU-Kommissarin und Gewerkschafterin Monika Wulf-Mathies, vom WDR bestellte externe Prüferin zur Thematik, wie der Sender mit Fällen sexueller Belästigung im WDR umgegangen ist, ihren Abschlussbericht vorgelegt. Der Bericht trägt den Titel „Mehr als #MeToo – Die Verantwortung des WDR als Arbeitgeber“. Wulf-Mathies stellt als zentrales Ergebnis ihrer Untersuchungen an den WDR die Forderung, dass bei dem öffentlich-rechtlichen Sender eine neue Unternehmenskultur Einzug halten müsse (vgl. MK-Artikel). Im Folgenden dokumentieren wir aus dem 22‑seitigen Bericht von Wulf-Mathies im Wortlaut das abschließende Kapitel, das die Überschrift „Wertschätzung schafft Wertschöpfung“ trägt. (Der Bericht hat noch einen Anhang von 13 Seiten zu juristischen Fragen und zu einer neuen Dienstvereinbarung für den WDR.) • MK

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Wertschätzung schafft Wertschöpfung

Es hat sich im Laufe der Untersuchung gezeigt, dass es bei notwendigen Veränderungen im WDR um mehr als #MeToo geht. Natürlich bleibt es Ziel der hier vorgelegten Empfehlungen und Lösungsansätze, in Zukunft übergriffiges Verhalten zu verhindern bzw. ein Klima des Vertrauens zu schaffen, das den Betroffenen Beschwerden über sexuelle Belästigung erleichtert. Aber es geht eben um mehr als #MeToo: Es geht für den WDR darum, sich einzugestehen, dass es bei den derzeitigen Rahmenbedingungen zu wenige Schranken gibt, um Machtmissbrauch in jedweder Form zu verhindern. Ziel muss es deshalb sein, eine nachhaltige Verbesserung in der Qualität der Zusammenarbeit von Führungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu erreichen – egal ob feste oder freie. Gegenseitige Wertschätzung über alle Ebenen hinweg ist die Grundlage dafür.

In diesem Prozess sollte sich der WDR seine Stärken bewusst machen und sich auf das besinnen, was den Sender groß gemacht hat und was noch immer seine Qualität bestimmt: Vielfalt, Innovationsfähigkeit, redaktionelle Freiheit. Darauf dürfen Beschäftigte und Führung durchaus stolz sein. Diese Stärken gilt es jetzt zu nutzen, um innere Reformen umzusetzen.

Der Prüferin ist wichtig zu betonen, dass der notwendige Veränderungsprozess im WDR alle Beschäftigten sowie Mitbestimmungs- und Aufsichtsgremien gleichermaßen fordert. Auch wenn die Führungsaufgabe eindeutig beim Intendanten liegt, bedeutet dies nicht, dass alle anderen sich zurücklehnen und abwarten können. Kulturwandel ebenso wie alle anderen hier vorgeschlagenen Maßnahmen erfordern aktive Beiträge und verlangen von allen, traditionelle Rollen, in denen man sich eingerichtet hat, zu hinterfragen und neues Vertrauen aufzubauen. Die Prüferin hofft, dass mit den anzustoßenden Veränderungen auch die Neigung abnimmt, Konflikte nach außen zu tragen, statt sich der mühevollen Aufgabe zu unterziehen, sie intern auszutragen und zu lösen.

Kulturwandel ist ein langfristiger Prozess, der nur gelingen kann, wenn er partizipativ angelegt ist und von oben befeuert wird. Ein sinnvoller praktischer Schritt ist es, auf allen Ebenen ein wertschätzendes Feedback-Geben und -Nehmen einzuüben und dies zum selbstverständlichen Bestandteil der Alltagskultur zu machen. Auch sollten diejenigen Maßnahmen, die kurzfristig umsetzbar sind, direkt angegangen werden, um deutlich zu machen, dass wirklich etwas geschieht und nichts auf die lange Bank geschoben wird. So kann zum Beispiel der Vorschlag für eine neue Dienstvereinbarung unmittelbar verhandelt werden, zumal die Betriebsparteien dazu bereits Vorarbeiten geleistet haben.

Die Prüferin möchte alle im WDR aufrufen, sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Wenn WDR-Spitze, Personalrat, Verwaltungsrat, Rundfunkrat und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künftig alle Anstrengungen darauf verwenden, Lösungen zu finden, die sie gemeinsam vertreten können, haben sich die Erfahrungen aus der #MeToo-Debatte am Ende gelohnt.

24.09.2018 – MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

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