Textpassagen aus der nicht gezeigten SWR‑Dokumentation „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“

19.06.2020 •

In der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) hatte Lea Deuber, die China-Korrespondentin des Blattes, am 9. Juni einen großen Artikel über die Dokumentation „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ geschrieben. Der 45-minütige Film, in dem es um den Ausbruch der Corona-Epidemie in der chinesischen Stadt Wuhan geht, wurde im Auftrag des Südwestrundfunks (SWR) von der Gebrüder Beetz Filmproduktion GmbH hergestellt und sollte am 15. Juni 2020 im ARD-Programm auf dem Sendeplatz „Die Story im Ersten“ ausgestrahlt werden. Im „Süddeutsche“-Artikel wurde dem SWR unter anderem zum Vorwurf gemacht, dass für den Film mit Chinas „staatlichen Propagandabehörden kooperiert worden sei“ und dass „die Interviews mit den chinesischen Virologen und Ärzten im Januar und Februar die Propagandaabteilung selbst gedreht“ habe. Lea Deuber hatte den Film, so kann man aus ihrem Artikel schließen, nicht selbst gesehen. Der Bericht in der SZ führte letztlich dazu, dass die Dokumentation am 15. Juni kurzfristig abgesetzt wurde. Im Folgenden dokumentiert die MK Textpassagen aus dem Film, die vielleicht zur Einordnung der erhobenen Vorwürfe helfen.

Mit dieser Textpassage beginnt die Dokumentation in den ersten zweieinhalb Minuten:

„Die Straßen in Wuhan füllen sich heute wieder mit Leben. Was hiergenau passiert ist, in welchem Umfang getäuscht und vertuscht wurde, bleibt bis heute ein Rätsel. Die massiven Einschränkungen der Pressefreiheit in China sind ein idealer Nährboden für die Ausbreitung einer Epidemie. Gepaart mit dem Risiko einer Ansteckung sind sie der Grund, warum sich nur staatlich zugelassene Teams frei in Wuhan bewegen durften.

Es ist der 23. Januar. Die Regierung riegelt die Metropole ab, knapp 9 Millionen Menschen sind eingesperrt. [Einspielung, Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts:] „Dicht machen, Menschen einsperren, das ist die krasseste aller Maßnahmen. Aber dort wurde eben klar, dass gegen dieses Virus diese Maßnahmen eben sein müssen.“ [Einspielung, Christian Drosten, Chef-Virologe, Charité Berlin:] „Im Nachhinein, muss man sagen, waren wir vielleicht in der westlichen Welt an einigen Stellen auch etwas altklug und haben gedacht: Was machen denn die da in Wuhan, mit was für einer Gewalt hauen die denn auf diese Erkrankung drauf?“

Die Filmproduktionsfirma CICC aus China, die seit Jahrzehnten internationale Dokumentationen betreut, dreht seit Februar in Wuhan. Sie bietet uns einen vorgeschnittenen Film mit ausgewählten Interviews an. Darin wird China als Held in der Krise gefeiert. Uns ist bewusst: CICC ist eine Unterabteilung des Informationsbüros des chinesischen Staatsrats. Wir wollen ihren Film nicht – sichern uns aber vertraglich das gesamte Rohmaterial. Wir akzeptieren eine Beratung durch CICC, sichern uns aber das inhaltliche Entscheidungsrecht. 67 Stunden Filmmaterial gelangen so nach Deutschland. Wir sichten sie gründlich. Sie liefern kein vollständiges Bild, entstanden unter nicht nachvollziehbaren Umständen. Und doch finden wir Interviewpassagen und Bilder, die überraschen: Interne Einblicke der Überforderung in voll belegten Krankenhäusern, Zugeständnisse von Kommunikationsproblemen zwischen Wuhan und Peking. Wir schneiden das Material neu, prüfen die Aussagen und ordnen diese mit Hilfe von Experten, Wissenschaftlern und Augenzeugen vor und hinter der Kamera ein.“ [Es folgt vor der Fortsetzung des Films die Titeleinblendung: „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs.]

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Etwa bei Minute 10:00 gibt es eine Einspielung von Christian Drosten mit diesem Zitat:

„Ich denke, dass China sehr stark von SARS gelernt hat, von dem damaligen Ausbruch, nicht nur wie man eine Krankheit melde, wie man sie verhindert, wie man sie erkennt und verfolgt, sondern auch natürlich eine wissenschaftliche Offenheit, auch eine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit, muss man sagen. Es ist ja über viele lange Jahre so gewesen, dass chinesische junge Wissenschaftler sich in USA, auch in Europa ausbilden lassen haben und dann aber zurückkamen, dort Labore aufgemacht haben. Das sind die Top-Labore jetzt in China.“

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Der Film endet in der Schlusspassage mit diesen Ausführungen:

„Wissenschaftler und Virologen in China haben mit radikalen Empfehlungen den weltweiten Ausbruch von Covid-19 verzögert. Viele wichtige Fragen muss diese Dokumentation offenlassen. Das Ergebnis nach Auswertung des Materials: Das Fehlen einer kritischen Presse hat die Ausbreitung von Covid-19 begünstigt, Chinas Krisenmanagement war und ist kompromisslos, getragen von einer Autorität, die nur in dieser Kultur und in diesem Regime möglich ist. Ob China die Pandemie hätte verhindern können, bleibt ungeklärt. Nur eine internationale Untersuchungskommission, die vor Ort unabhängig forschen kann, würde wirklich Licht ins Dunkel bringen. Dies zuzulassen, wäre Chinas einzige Möglichkeit, das Mistrauen aus der Welt zu schaffen.“

19.06.2020 – MK

Text aus dem Film: „Die massiven Einschränkungen der Pressefreiheit in China sind ein idealer Nährboden für die Ausbreitung einer Epidemie“

Foto: Screenshot


Print-Ausgabe 13-14/2020

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