Schreiben von vier Dokumentarfilmverbänden zum Thema „Ballung von Macht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“

03.07.2018 • In einem am 18. Juni veröffentlichten Papier nehmen die in Nordrhein-Westfalen angesiedelten Dokumentarfilmverbände Filmnetzwerk LaDOC, Filmbüro NW, AG DOK West und Dokomotive Kollektiv den Fall des Mitte Juni wegen Vorwürfen sexueller Belästigung fristlos entlassenen WDR-Redakteurs Gebhard Henke zum Anlass, die „Ballung von Macht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“ zu thematisieren. Dies sei ein symptomatischer „Systemfehler im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ mit Auswirkungen auf die ganze Branche und auf einzelne Karrieren und Existenzen. In dem Papier werden deshalb eine „Entflechtung von Macht“und „flachere Hierarchien“ gefordert. Die Verbände schickten ihr gemeinsames Schreiben an WDR-Intendant Tom Buhrow, WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, den WDR-Rundfunkrat und den WDR-Personalrat, außerdem an Petra Müller, die Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW sowie aus dem Bereich der nordrhein-westfälischen Politik an Medienstaatssekretär Nathanael Liminski (CDU), Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Pönsgen (parteilos) und Staatssekretärin Annette Storsberg vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft. Alle Angeschriebenen wurden von den Verbänden um eine Stellungnahme zu deren Schreiben gebeten. Als Erster antworte am 20. Juni WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn auf das Schreiben. Die MK dokumentiert im Folgenden jeweils im kompletten Wortlaut das Schreiben der Verbände und die Antwort von Jörg Schönenborn, die der WDR in einer Pressemitteilung zur Verfügung stellte• MK

 

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Schreiben der Dokumentarfilmverbände Filmnetzwerk LaDOC, Filmbüro NW, AG DOK West und Dokomotive Kollektiv:

 

BALLUNG VON MACHT IM ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN FERNSEHEN

Vertreter*innen der Filmbranche NRW thematisieren die Ballung von Macht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen

Die Vorwürfe des Machtmissbrauchs in Form sexueller Belästigung, die den WDR zur Kündigung seines Mitarbeiters Gebhard Henke veranlasst haben, zeigen symptomatisch einen Systemfehler im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Jenseits der Frage möglicher Schuld zeigt sich an diesem Beispiel deutlich, dass die Monopolisierung von Entscheidungsmacht erhebliche Auswirkungen auf eine kreative Branche hat.

Denn in diesem Fall handelt es sich nicht nur um den Leiter des Programmbereichs ‘Kino, Fernsehfilm und Serie’ im WDR, sondern gleichzeitig um den Koordinator des „Tatorts“ der ARD, um ein Gremienmitglied der Filmförderung und einen Professor in der Lehre.

An jeder dieser Positionen wird maßgeblich über das Entstehen von Projekten und die Besetzung von Stellen bestimmt. Kommt es zu einer derartigen Konzentration von Macht, dann können Einzelne den Inhalt und die Gestalt von Filmen oder die Entwicklung von Berufsbiografien so nachhaltig beeinflussen, dass ihr Geschmack zum Mainstream wird. Es finden sich in den Sendern genügend Beispiele für dieses Phänomen, bei Entscheiderinnen und Entscheidern gleichermaßen. Diese normale Praxis macht nicht nur anfällig für Formen von Machtmissbrauch, sondern reduziert auch systematisch Pluralität innerhalb der Branche.

Die Entflechtung von Macht und die Schaffung von mehr Autonomie auf der Seite der unterschiedlichen Redakteur*innen führt zu einer größeren Vielfalt an Formen und Inhalten in der Filmbranche. Flachere Hierarchien schaffen produktive Widersprüche im Programm, die einer Demokratie gut zu Gesicht stehen. Die Entscheidung, was für die Zuschauer*innen gut ist, wäre nicht mehr abhängig von der Einschätzung einiger weniger, sondern könnte wieder vermehrt in täglichen Versuchen ausprobiert und verhandelt werden. Von solchen vergrößerten Spielräumen und von der damit einhergehenden Leidenschaft im Dialog zwischen Sendern und Kreativen profitieren die Zuschauer*innen. Wer außer dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann sich dies leisten?

Wir fordern mehr autonome Ansprechpartner*innen in den Redaktionen, um eine größere Bandbreite an Entscheidungswegen innerhalb der öffentlich-rechtlichen Sender zu schaffen.

Wer über Sendeplätze verfügt, soll nicht gleichzeitig über die Finanzierung von Filmen durch die Filmförderung entscheiden dürfen.

Wir verlangen eine sichtbare Entflechtung von Macht in den wichtigen Entscheidungspositionen der Film- und Fernsehbranche.

AG DOK West
Dokomotive Filmkollektiv
Filmbüro NW e.V.
LaDOC Filmnetzwerk               18. Juni 2018

 

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Antwortschreiben von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn:

 

WDR   Der Fernsehdirektor

Jörg Schönenborn

Westdeutscher Rundfunk      Appellhofplatz       50667 Köln       

Köln 20.6.2018

 

Ihre Stellungnahme zu „Macht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“

 

An die Vertreterinnen und Vertreter des Dokomotive Filmkollektivs, des Filmbüros NW e.V., des LaDOC Filmnetzwerks und der AG Dok West

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe sehr aufmerksam Ihre Einschätzung zur Entscheidungsmacht in den öffentlich-rechtlichen Sendern gelesen.

Sie sprechen damit ein Thema an, das für mich als langjährigem WDR Chefredakteur in meiner früheren Funktion und heute als Programmdirektor und Koordinator Fernsehfilm immer von besonderer Bedeutung war. Denn: die Frage, wer in unseren Programmen Entscheidungen trifft, entscheidet über die publizistische Vielfalt unseres Angebots und damit über unseren Wesenskern.

Eine besondere Rolle spielt die Programmvielfalt im ARD-Gemeinschaftsprogramm. Sie ist auch in der Fiktion allein schon dadurch gewährleistet, dass Entscheidungen etwa über Produktionen für den FilmMittwoch und den Tatort nicht zentral, sondern jeweils eigenständig in neun Sendern fallen. Meine Rolle als Fernsehfilm Koordinator ist es, diese Entscheidungen, wie der Name schon sagt, zu koordinieren. Das ist in der Abstimmung mitunter anspruchsvoll, aber auch ein bewusster Beitrag, um Vielfalt zu gewährleisten.

Da Sie in Ihrer Erklärung die besondere Rolle des Tatorts ansprechen, möchte ich Ihnen das Vorgehen in diesem Bereich erläutern. Die offizielle Funktion eines Tatortkoordinators kennt die ARD nicht. KoordinatorInnen werden grundsätzlich von der Fernsehprogramm-Konferenz auf Vorschlag des Direktors Erstes Deutsches Fernsehen ernannt. Ich selbst bin seit 2014 Koordinator für Fernsehfilme und Serien. Dazu zählen auch unsere Tatorte. Während die Entscheidungen über die einzelnen Produktionen zum FilmMittwoch und Tatort dezentral in den Häusern fallen, koordiniere ich unser Programmangebot. Natürlich lasse ich mich dabei von MitarbeiterInnen des betreffenden Fachbereichs und dessen Leitung beraten. Die konkrete Platzierung nimmt die Geschäftsführerin der Koordination gemeinsam mit der Programmplanung der ARD vor. Auch hier sind also mehr als zwei Augen beteiligt.

Erlauben Sie mir zum Schluss noch eine grundsätzliche Anmerkung. Der WDR und die anderen Landesrundfunkanstalten der ARD stellen sicher, dass Entscheidungsbefugnisse verteilt werden. Dazu gehört immer ein Mehr-Augenprinzip. Dezentrale redaktionelle Planung und programmliche Vielfalt gehören zu unserem föderalen Charakter. Ich bin stolz auf die Breite und Unterschiedlichkeit unserer Angebote und halte dies für ein Alleinstellungsmerkmal der ARD.

Wenn Sie weitere Informationen brauchen oder sich über dieses Thema austauschen möchten, stehe ich gern zur Verfügung. Ich bin meinerseits an Ihren Erfahrungen interessiert.

Mit freundlichen Grüßen

Jörg Schönenborn

 

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03.07.2018 – MK