Rede des SWR-Rundfunkratsvorsitzenden Gottfried Müller am 13. September 2019 in Stuttgart beim Festakt zur Staffelstabübergabe in der Intendanz des SWR

30.09.2019 •

Am 13. September gab es beim Südwestrundfunk (SWR) in Stuttgart im Rahmen eines Festakts die sogenannte „Staffelstabübergabe“ in der Intendanz der öffentlich-rechtlichen Anstalt: Peter Boudgoust, zwölf Jahre Intendant des SWR, übergab das Amt an seinen Nachfolger Kai Gniffke. Eine der Reden auf der Veranstaltung hielt der SWR-Rundfunkratsvorsitzende Gottfried Müller, dessen Ausführungen wir im Folgenden im kompletten Wortlaut dokumentieren. Weiterer Redner war Hans-Albert Stechl, Vorsitzender des SWR-Verwaltungsrats. Die Festrede hielt Diemut Roether, verantwortliche Redakteurin des Fachdiensts „epd medien“. Anschließend zog Peter Boudgoust eine Bilanz seiner Amtszeit, bevor abschließend Kai Gniffke über seine Ziele beim SWR sprach. • MK

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Das tägliche Programm – eine große Erzählung

Rede des SWR-Rundfunkratsvorsitzenden Gottfried Müller am 13. September 2019 in Stuttgart beim Festakt zur Staffelstabübergabe in der Intendanz des SWR

Wir sollten uns um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sorgen. Mehr jedenfalls als um die kommerziellen Anbieter. ARD und ZDF sind keine Bedrohung für die kommerziellen Anbieter – höchstens durch die Qualität ihrer Programme. Und sie müssen deshalb nicht künstlich kleingehalten werden. Allein die RTL Group macht mehr Umsatz als die gesamte ARD. Dafür geben die Sender der ARD doppelt so vielen Menschen Arbeit und Lohn. Sie sind der Hauptauftraggeber der deutschen Filmschaffenden. Ohne ARD und ZDF sähe das große „Festival des deutschen Films“, das am Sonntag in Ludwigshafen zu Ende gegangen ist, ziemlich ärmlich aus.

Zwei Dinge sind aber noch viel wichtiger. Das wird einem vielleicht erst deutlich, wenn man mehr als 15 Jahre in den Gremien gesessen und sich an seinem Sender gerieben, sich manchmal geärgert, aber oft auch gefreut hat.

Erstens: Im Rundfunkrat, den ich repräsentiere, sind alle wichtigen Organisationen der Zivilgesellschaft vertreten, von den Religionsgesellschaften über die Sportverbände, die Kulturorganisationen, die Vertriebenen und die Senioren, die Naturschützer, die Migranten und Frauenorganisationen bis hin zu den Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Ohne die Aktivitäten dieser Organisationen gäbe es das gesellschaftliche Leben, so wie wir es kennen, nicht. Und manchmal sind die Sitzungen und vor allem die informellen Teile wie ein Lagerfeuer, um das wir uns versammeln und miteinander über Gott und unsere Welt diskutieren.

Die Vertreter der Regierungen und Parlamente, die ja auch in den Rundfunkräten sitzen, sind im Übrigen eher die Auftraggeber des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ihre Rolle ist es deshalb im Besonderen, sich um ihn zu sorgen. Es wäre ein wichtiges Zeichen, wenn sie ihn nicht als Verfügungsmasse betrachten würden.

Aber der zweite Grund ist mir noch viel wichtiger. Das tägliche Programm im Radio, im Fernsehen und im Internet über die regelmäßige politische Berichterstattung hinaus, vom Feature in SWR 2 über die Hitparade in SWR 1 bis zu Serien wie „Die Fallers“ oder „Weingut Wader“ – es ist eine große Erzählung über unsere Gesellschaft und über unsere Republik und ihre lebendige Demokratie. An dieser Erzählung wirken seit mehr als 70 Jahren ungezählte Reporter und Redakteure, Autoren und Regisseure, Schauspieler und Produzenten mit. Und diese Erzählung bildet unsere Gesellschaft und ihre Republik nicht nur in all ihrer Vielfalt, in ihrer Entwicklung, ihren Konflikten, ihren politischen Debatten – sie bildet sie nicht nur ab, sie hält sie auch zusammen, sie stützt sie und konstituiert sie immer wieder neu.

Es kann sich jede Frau und jeder Mann in dieser Erzählung wiederfinden, auf seinem Platz in der Gesellschaft, an seinem Ort, wo er lebt, mit seiner Geschichte innerhalb der Geschichte seiner Region und der gemeinsamen Geschichte Deutschlands. Es ist deshalb kein Zufall, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in allen empirischen Befragungen eine hohe Wertschätzung genießt. Und es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass die Feinde dieser Republik ihn gern abschaffen würden. Also: Sorgen wir uns um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Lieber Herr Gniffke, Anfänge sind immer verheißungsvoll, ein wenig riskant, auf jeden Fall aber spannend. Der Vorgänger kann noch so viel geleistet haben, es bleibt immer genügend zu tun. Ich wünsche Ihnen Kreativität, Entscheidungsfreude und kompetente Männer und Frauen, die mit Ihnen Ihre Vorstellungen in die Tat umsetzen. Meine Unterstützung haben Sie.

30.09.2019

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