Offener Brief zum ARD-Sendeplatz für den Film „Die Hälfte der Welt gehört uns. Als Frauen das Wahlrecht erkämpften“

10.12.2018 •

Die MK dokumentiert im Folgenden einen gemeinsamen offenen Brief der Dokumentarfilmerin Annette Baumeister und der Schauspielerinnen Johanna Gastdorf, Jeanette Hain, Paula Hans und Esther Schweins. Anlass des am 2. Dezember 2019 veröffentlichten Briefs ist der Umstand, dass das 90-minütige Doku-Drama „Die Hälfte der Welt gehört uns. Als Frauen das Wahlrecht erkämpften“ (ARD/WDR/BR/NDR/Arte) am 26. November im Ersten Programm erst um 23.30 Uhr ausgestrahlt wurde. Der Film stammt von Annette Baumeister (Buch/Regie), die vier Schauspielerinnen wirkten in dem Film mit. „Die Hälfte der Welt gehört uns“ (Produktion: Gebrüder Beetz) war am 13. November auch bei Arte ausgestrahlt worden, dort war die Sendezeit 20.15 bis 21.45 Uhr. Im Ersten hatte der Film 480.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 4,7 Prozent, bei Arte waren es 230.000 Zuschauer und ein Marktanteil von 0,8 Prozent. • MK

- - - - - - - - - - - - - - - - - -

An Herrn

Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen

An Herrn

Rainald Becker, Chefredakteur Erstes Deutsches Fernsehen

An den

Rundfunkrat des WDR und des NDR

 

Offener Brief zum Sendeplatz von „Die Hälfte der Welt gehört uns. Als Frauen das Wahlrecht erkämpften“ am 26.11.2018 um 23.30 Uhr in Das Erste.

 

Sehr geehrter Herr Herres,

sehr geehrter Herr Becker,

sehr geehrte Damen und Herren,

„Deeds Not Words“ – „Taten statt Worte“ war der Slogan der Suffragetten, mit dem sie die Einführung des Frauenwahlrechts gefordert haben. Es waren Aussagen wie diese, die uns inspiriert haben, am Doku-Drama „Die Hälfte der Welt gehört uns“ mit Freude und Elan mitzuwirken – vor und hinter der Kamera. Taten statt Worte: Vergangenen Montag, am 26.11.2018, hätte das Erste Deutsche Fernsehen diesem Motto folgen und das Doku-Drama an einem prominenten Sendeplatz ausstrahlen können. Wann, wenn nicht jetzt? Selten hat ein Jubiläum den Herzschlag des Landes so bestimmt wie in den letzten Wochen der 100. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts. Der Bundestag erinnerte mit einem Festakt daran. Zeitungen machten damit auf und druckten Sonderbeilagen. Museen, Verbände, Vereine und auch Unternehmen widmen sich seit Monaten diesem Thema. Und was macht das Erste Deutsche Fernsehen? Es versteckt einen hochwertig produzierten und von der Presse gelobten Film zu diesem Thema im Nachtprogramm um 23.30 Uhr.

„Warum wird ein so wichtiger Film so spät ausgestrahlt?“ – „Wer kann sich einen Film um 23.30 Uhr anschauen, wenn er am nächsten Morgen um sechs Uhr aufstehen muss?“ – Neben den vielen berührenden und kämpferischen Reaktionen auf unseren Film, die wir erleben durften, waren das die häufigsten Fragen, die uns gestellt wurden. Wir würden sie gerne an Sie weitergeben: Warum wird ein Doku-Drama über vier starke Frauen, die Weltgeschichte geschrieben haben, versteckt? Wenn Filme über Supermarktgründer und Immobilienbetrüger zur Primetime ausgestrahlt werden, warum nicht auch – trotz aller sicherlich bestehenden Programmzwänge – ein Film über vier Heldinnen, die unser Leben für immer verändert haben?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich an seinem Anspruch messen lassen, Frauen im Programm sichtbar zu machen und von Stereotypen befreit darzustellen. Leider hat er mit dem späten Sendetermin den Zuschauerinnen und Zuschauern keine Chance gegeben, sich informieren, ermutigen und inspirieren zu lassen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat das Privileg, sich nicht dem Markt stellen zu müssen. Die Gebührenzahler akzeptieren das, solange er sich nicht nur an Quotenerwartungen orientiert, sondern auch substanzielle Beiträge zu aktuellen Themen prominent im Programm platziert. Tut er das nicht, verliert er seine Existenzberechtigung. Die Programmierung von „Die Hälfte der Welt gehört uns“ ist eine Enttäuschung für alle Zuschauerinnen und Zuschauer, die für ihre Gebühren nicht nur leichte Unterhaltungsware erwarten, sondern auch politisch aktive Frauen sehen wollen, die sich nicht als Opfer ihrer Umstände begreifen, sondern ihre Umstände selbst verändern.

Mit freundlichen Grüßen

Annette Baumeister,
Johanna Gastdorf,
Jeanette Hain,
Paula Hans und
Esther Schweins

10.12.2018 – MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren