„Haben wir den Hut jetzt weggeschlossen?“ Wie Erich Böhme und Stefan Aust in der Sat-1-Sendung „Talk im Turm“ die Vergangenheit des „Spiegel“ bewältigten

24.01.1997 •

24.01.1997 • Am 12. Januar beschäftigte sich die Sat-1-Sendung „Talk im Turm“ (22.00 bis 23.00 Uhr) mit dem Thema „50 Jahre ‘Spiegel’“. Gäste bei Gastgeber Erich Böhme, früher selbst lange Chefredakteur des „Spiegel“, waren an diesem Sonntagabend der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, „Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort, Max Strauß (CSU), der PDS-Politiker Gregor Gysi und der amtierende „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust. Gysi sprach in der Talkshow eine Veröffentlichung von Lutz Hachmeister in der „taz“ vom 27. Dezember 1996 an, in der dokumentiert worden war, dass beim „Spiegel“ in den 1950er Jahren ein halbes Dutzend SS-Führer und NS-Propagandisten beschäftigt waren – zum Teil als Ressortleiter. Die Passage aus „Talk im Turm“, in der es um dieses Thema ging, ist hier nachfolgend dokumentiert. • FK

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Gysi: Darf ich eine Frage an Herrn Aust stellen? Nur eine? Sie haben… Ich hab das ja erst in letzter Zeit gelesen, das hab ich ja nicht gewusst, dass da zu Beginn des „Spiegel“ drei SS-Verbrecher also doch in führender Funktion im „Spiegel“ tätig waren und auch entsprechende Artikel geschrieben haben. Jetzt wurde angekündigt, in der Jubiläumsausgabe wird dazu also ein aufklärender Artikel… und da wird das alles erläutert werden. Nun stand es nicht drin. Jetzt finde ich, gerade wenn man diese Ansprüche hat, also wenn Sie so mit Herrn Henkel¹  [umgehen]…

Aust: Was stand nicht drin?

Gysi: Wieso? Ich dachte, das war die letzte [Ausgabe]…

Böhme: Habt Ihr da undichte Stellen oder was? Der hat die [Ausgabe] schon.

Aust: Es gibt doch’n Sonderheft!

Böhme: Ich hab kein’s gekriegt.

Gysi: Ach so, ich dachte, die Fünfzigste, sozusagen…

Aust: Nein, nein, wir machen zum Fünfzigsten… machen wir… Da gibt es keine Riesengeschichte dazu, denn so wahnsinnig viel Neues gibt’s da nicht zu berichten. Aber es kommt drin vor. Es kam auch, also bevor das veröffentlicht wurde, kam das drin vor. Denn die Geschichte ist ja uralt.

Gysi: Ja, bloß, ich meine die Stellungnahmen, die es dazu gab, die waren ja doch eher dünn, sage ich mal. Und ich sage das, gerade wenn Sie mit so’nem Anspruch mit Herrn Henkel oder wem auch immer sprechen, dann finde ich, gehört natürlich dazu, dass man sagt, also diese Punkte in der Geschichte des „Spiegel“ selbst, die haben wir wirklich lückenlos aufgedeckt, aufgeklärt und alle dazugehörigen Fakten auch dargestellt. Und bisher entsteht der Eindruck, dass das immer so’n wunder, unangenehmer Punkt ist, über den dann auch der Herr Augstein in den „Tagesthemen“ [Ausgabe vom 2.1.1997] so hinweggeht. Zu zwei Personen äußert er sich ein bisschen…

Aust: Wissen Sie, das kann man nicht in drei oder fünf Minuten in den „Tagesthemen“…

Gysi: Ja, das versteh ich, dass das schwer in einer Nachrichtensendung…

Aust: Die Geschichte ist nicht neu. Das ist ein uralter Hut. Das ist uralt, das ist x-mal… [wendet sich an Böhme]… Sie wissen das aus Ihrer Geschichte sicher viel besser, als ich das kenne. Sie haben die Mitarbeiter ja noch gekannt.

Böhme: Also, ich will jetzt die alten Hüte nicht nochmal aufhängen. Aber überall in den Redaktionen hat ein Braungesprenkeltes herumgesessen, in den Jahren 49, 50, 51…

Gysi: Aber ein Braungesprenkeltes und SS-Verbrecher sind doch’n bisschen was Verschiedenes.

Böhme: Es waren keine Verbrecher, es gibt keine Urteile gegen die², gar nix.

Gysi: Na ja, also…

Böhme: Die hatten einen Rang, so was hat man ja wohl in der  SS gehabt. Die SS war ja wirklich keine feine Veranstaltung…

Markwort: Das waren Hauptsturmbannführer oder sowas…

Böhme: Hauptsturmführer, das ist, glaub ich, ’n  Hauptmannsrang, is’n Hauptmann. Hauptmann bei der SD. Hauptmann beim  SS. Nachweislich hat er… bislang… ich weiß von nix…

Gysi: Sie wissen ja, wie die Rechtsprechung…

Böhme: …umgebracht hat er keinen, ’nen Aufsatz hat er keinen geschrieben, der das Nazitum verherrlicht hat…

Gysi: Er war zum Beispiel… der eine war Adjutant beim…

Aust: Er war beim SD. Das hat er aber zugegeben, im Gegensatz zu manchen.

Böhme: So, also, jetzt lasst uns mal… ich, ich, ich will die alten Hüte nicht unterdrücken jetzt, ich, ich wollte nur weiterkommen, ich wollte einfach bei Aust bohren. Wenn Aust der Meinung ist…

Gysi: Nee, Moment, darf ich das sagen? Dann schließe ich auch das Thema.

Böhme: Gut.

Gysi: Sie sagen, die sind nicht verurteilt worden.

Böhme: Ja.

Gysi: Wann fragt denn der „Spiegel“ sonst bei jemandem, ob er verurteilt worden ist? Die sind alle nicht verurteilt, die das sozusagen…

Böhme: Nein, weil Sie „Verbrecher“ gesagt haben. Das kann ich einem Menschen nicht anhängen, ohne…

Gysi: Na gut.

Böhme: Okay.

Reich-Ranicki: Augenblick! Vielleicht wollen wir mal klarstellen: Es haben ein paar alte Nazis in der Redaktion des „Spiegel“ gearbeitet. Nennen Sie mir mal eine Zeitung, in der in diesen Jahren keine Nazis gearbeitet haben! Einschließlich von DDR-Blättern.

Gysi: Hat’s nicht gegeben. Wird’s nicht gegeben haben.

Reich-Ranicki: In den DDR-Blättern waren auch feine Leute.

Gysi: Nun mache ich noch mal’n Unterschied zwischen NSDAP-Mitgliedern und SS-Leuten.

Reich-Ranicki: Nein, nein! Solche Nazis, die schlimme Artikel und schreckliche Artikel geschrieben haben und schlimme Dinge, sind sehr wohl beschäftigt worden. Wir wissen, dass die Bundesrepublik Deutschland mit Hilfe von unzähligen Nazis errichtet wurde. Und nun sag ich: Der „Spiegel“ war nicht edler als die anderen Blätter.

Gysi: Aber er hat ein bisschen so getan.

Reich-Ranicki: Bitte?

Gysi: Er hat ein bisschen so getan!

Reich-Ranicki: Das tut jeder. Das ist klar, dass er so getan hat. Das versteht sich von selbst.

Böhme: Haben wir den Hut jetzt weggeschlossen?

Reich-Ranicki: Ja.

Aust: Ja.

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Fußnoten:

¹ Gemeint ist der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, über den der „Spiegel“ kürzlich eine Enthüllungsgeschichte publiziert hatte.

² Der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg hat 1946 SS, Gestapo und SD als „verbrecherische Organisationen“ verurteilt. Mit diesem Schuldspruch war verbunden, dass die Mitgliedschaft in diesen Organisationen als Verbrechenstatbestand gewertet wurde – so zum Beispiel im Nürnberger „Nachfolge“-Prozess gegen die Einsatzgruppen (Fall IX, USA vs. Ohlendorf et. al.).

• Text aus Heft Nr. 4/1997 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

24.01.1997 – FK

Print-Ausgabe 12/2019

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