Gescheiterte Erhöhung des Rundfunkbeitrags: BVerfG-Beschluss vom 22. Dezember 2020 zu Eilanträgen von ARD, ZDF und Deutschlandradio

29.12.2020 •

Im Folgenden dokumentiert die MK den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) in Karlsruhe vom 22. Dezember 2020 zu den Verfassungsbeschwerden und Eilanträgen, die von ARD, ZDF und Deutschlandradio im Dezember eingereicht worden sind, weil das Bundesland Sachsen-Anhalt nicht über den ersten Medienänderungsstaatsvertrag abgestimmt hat, mit dem die zum 1. Januar 2021 vorgesehene Erhöhung des Rundfunkbeitrags auf Basis der Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) gültig werden sollte. Aufgrund der Verweigerung des Bundeslandes Sachsen-Anhalt, das von einer Koalition aus CDU, SPD und Grünen regiert wird, kam die Rundfunkbeitragserhöhung von monatlich 17,50 auf 18,36 Euro nicht zustande. Am 8. Dezember hatte der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) entschieden, den von ihm unterzeichneten ersten Medienänderungsstaatsvertrag dem Magdeburger Landtag nicht mehr zur Abstimmung vorzulegen, sondern ihn zurückzuziehen. Damit brachte er den Staatsvertrag zum Scheitern, rettete aber seine Koalitionsregierung in dem ostdeutschen Bundesland, die ihrerseits über den Streit um die Rundfunkbeitragserhöhung vorzeitig zu scheitern drohte, weil die CDU-Fraktion, wäre es zur Abstimmung im Landtag gekommen, zusammen mit der rechtspopulistischen AfD gegen den ersten Medienänderungsstaatsvertrag votieren wollte; SPD und Grüne wie auch die oppositionelle Linke hatten angekündigt, dem Staatsvertrag zustimmen zu wollen  (vgl. diesen MK-Artikel). • MK

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Beschluss vom 22. Dezember 2020

BUNDESVERFASSUNGSGERICHT

- 1 BvR 2756/20 -

- 1 BvR 2775/20 -

- 1 BvR 2777/20 -

 

IM NAMEN DES VOLKES

 

In den Verfahren
über
die Verfassungsbeschwerden

 

I. des Zweiten Deutschen Fernsehens,

vertreten durch den Intendanten Dr. Bellut,

- Bevollmächtigter: Professor Joachim Wieland -

 

gegen

das Unterlassen der Zustimmung des Landtags Sachsen-Anhalt zum Entwurf eines Gesetzes zum Ersten Medienänderungsstaatsvertrag

und

Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung

- 1 BvR 2756/20 -,

  

II. des Deutschlandradios, 

vertreten durch den Intendanten Raue, 

- Bevollmächtigter: Professor Dieter Dörr -

 

gegen

den Beschluss des Landtags Sachsen-Anhalt vom 8. Dezember 2020, dem Gesetz zum Ersten Staatsvertrag zur Änderung medienrechtlicher Staatsverträge (1. Medienänderungsstaatsvertrag), der von den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder vom 10. bis 17. Juni 2020 unterzeichnet wurde, nicht zuzustimmen

und

Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung 

- 1 BvR 2775/20 -

 

III.

1. des Bayerischen Rundfunks,

vertreten durch den Intendanten Wilhelm,

2. des Rundfunks Berlin-Brandenburg,

vertreten durch die Intendantin Schlesinger,

3. des Radios Bremen,

vertreten durch die Intendantin Dr. Gerner,

4. des Hessischen Rundfunks,

vertreten durch den Intendanten Krupp,

5. des Mitteldeutschen Rundfunks,

vertreten durch die Intendantin Professor Dr. Wille,

6. des Norddeutschen Rundfunks,

vertreten durch den Intendanten Knuth,

7. des Saarländischen Rundfunks,

vertreten durch den Intendanten Professor Kleist, 

8. des Südwestrundfunks,

vertreten durch den Intendanten Professor Dr. Gniffke, 

9. des Westdeutschen Rundfunks,

vertreten durch den Intendanten Buhrow,

- Bevollmächtigter: Professor Karl-Eberhard Hain -

 

gegen

die am 8. Dezember 2020 durch den Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt für die Landesregierung vorgenommene Rücknahme des Entwurfs des Gesetzes zum Ersten Medienrechtsänderungsstaatsvertrag und auf Hinterlegung der Ratifikationsurkunde dieses Staatsvertrags durch das Land Sachsen-Anhalt bei der Staatskanzlei der oder des Vorsitzenden der Konferenz der Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder

u n d

Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung

- 1 BvR 2777/20 -

h i e r:

Anträge auf Erlass einer einstweiligen Anordnung

 

hat das Bundesverfassungsgericht – Erster Senat – unter Mitwirkung der Richterinnen und Richter 

  Präsident Harbarth,

  Paulus,

  Baer,

  Britz,

  Ott,

  Christ,

  Radtke,

  Härtel

am 22. Dezember 2020 beschlossen:

 

Die Anträge auf Erlass einer einstweiligen Anordnung werden abgelehnt.

 

G r ü n d e :

 

I.

[1]   Die Beschwerdeführer rügen mit ihren Verfassungsbeschwerden unter Verweis auf die Senatsrechtsprechung zur Rundfunkfinanzierung (BVerfGE 90, 60; 119, 181) eine Verletzung ihrer Rundfunkfreiheit aus Art. 5 Abs. 1 Satz 2GG. Mit dem Unterlassen der Zustimmung zum Ersten Medienänderungsstaatsvertrag (1. MÄStV) und in dessen Folge der unterlassenen Hinterlegung der Ratifikationsurkunde durch den Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt weiche der Landtag von Sachsen-Anhalt aus verfassungsrechtlich unzulässigen programmlichen und medienpolitischen Gründen von den durch die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) überprüften und korrigierten Bedarfsanmeldungen der Rundfunkanstalten ab. Damit werde der Grundsatz der Programmneutralität und Programmakzessorietät der Finanzierungsentscheidung verletzt. Nachprüfbare Gründe für die Abweichung von den Feststellungen der KEF habe der Landtag Sachsen-Anhalt weder erörtert noch seien sie sonst ersichtlich. Art. 1 des 1. MÄStV sei einstweilen in Geltung zu setzen. Die Verfallsklausel des Art. 2 Abs. 2 des 1. MÄStV müsse vorläufig bis zur Entscheidung in der Hauptsache außer Kraft gesetzt werden, um dem Land Sachsen-Anhalt auf Anordnung des Bundesverfassungsgerichts gemäß § 35 BVerfGG ein Inkraftsetzen des geänderten Rundfunkfinanzierungsstaatsvertrags auch nach Ablauf des Jahres 2020 zu ermöglichen.

[2]   Zu dem Antrag der Beschwerdeführerin im Verfahren 1 BvR 2756/20 auf Erlass einer einstweiligen Anordnung haben Stellung genommen: die Bundesregierung; in einer gemeinsamen Stellungnahme die Regierungen der Länder Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Schleswig-Holstein; die Regierungen Bremens und des Saarlands. Die Regierung des Landes Sachsen-Anhalt hält den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung für eine unzulässige Vorwegnahme der Hauptsache, jedenfalls aber für unbegründet.

 

II.

[3]   Die Verfassungsbeschwerden sind weder offensichtlich unzulässig noch offensichtlich unbegründet (vgl. zu diesen Voraussetzungen für den Erlass einer einstweiligen Anordnung BVerfGE 134, 138 <140 Rn. 6>; stRspr). Angesichts der bisherigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts erscheint eine Verletzung der durch Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG geschützten Rundfunkfreiheit zumindest möglich.

[4]   Die Beschwerdeführer haben jedoch nicht in der den gesetzlichen Anforderungen an die Begründung gemäß § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG entsprechenden Weise dargelegt, dass ihnen durch ein Abwarten bis zum Abschluss des Verfassungsbeschwerdeverfahrens schwere Nachteile im Sinne des § 32 Abs. 1 BVerfGG entstehen. Auf eine Folgenabwägung kommt es daher nicht an.

[5]   1. Die Beschwerdeführer legen nicht näher dar, dass eine verfassungswidrige Verzögerung des Inkrafttretens der Änderung des Rundfunkfinanzierungsstaatsvertrags irreversibel zu schweren Nachteilen führte.

[6]   a) Der Senat hat früher ausgeführt, dass sich eine möglicherweise durch das Fehlen hinreichender Mittel ausgelöste Verschlechterung des Programmangebots angesichts der Zeitgebundenheit der Wirkungen des Rundfunks nicht schlicht durch eine entsprechende finanzielle Mehrausstattung in späteren Zeiträumen kompensieren lasse (vgl. BVerfGE 119, 181 <241>). Ist in vergangenen Zeiträumen ein verschlechtertes Angebot ausgestrahlt worden, kann dies durch spätere Mehrausstattung tatsächlich nicht mehr ausgeglichen werden. Daraus geht die Irrevisibilität der Folgen eines verspäteten Inkrafttretens des geänderten Rundfunkfinanzierungsstaatsvertrags jedoch nicht ohne Weiteres hervor. Dies hätten die Beschwerdeführer vielmehr näher aufzeigen müssen. Denn wenn das Programmangebot tatsächlich erbracht wird, ist nach den genannten Grundsätzen eine kompensierende Mehrausstattung in späteren Zeiträumen durchaus nicht ausgeschlossen. Sofern die Beschwerdeführer also geltend machen wollen, eine verfassungswidrige Verzögerung des Inkrafttretens der Änderung des Rundfunkfinanzierungsstaatsvertrags löse eine Verschlechterung des Programmangebots aus und verletzte irreparabel ihre Rundfunkfreiheit, hätten sie substantiiert darlegen müssen, bei Nichtinkrafttreten ab dem 1. Januar 2021 mangels Beitragserhöhung zu dem von der KEF geprüften Programmangebot nicht in der Lage zu sein, obwohl im Fall des Obsiegens im Verfassungsbeschwerdeverfahren eine kompensierende Mehrausstattung in späteren Zeiträumen in Betracht kommt. Zwar ist ohne Weiteres plausibel, dass die Beschwerdeführer trotz der Aussicht auf spätere finanzielle Mehrausstattung nicht auf unbegrenzte Zeit in der Lage wären, das Programmangebot gewissermaßen in eigener „Vorleistung“ zu realisieren. Nicht ohne Weiteres plausibel ist hingegen, dass dies – mit Blick auf entsprechende spätere Mehrausstattung – nicht für eine gewisse Zeit möglich sein sollte. Insofern hätte es genauerer Angaben bedurft. Der Hinweis der Beschwerdeführer auf eine Deckungslücke bis Ende des Jahres 2024 oder aber jedenfalls bis Ende des Jahres 2022 reicht schon deshalb nicht aus, weil nicht nachvollzogen werden kann, warum im Falle eines Abwartens der Entscheidung über die Verfassungsbeschwerden der Finanzbedarf bis Ende des Jahres 2022 oder sogar bis Ende des Jahres 2024 ungedeckt bleiben sollte.

[7]   b) Im Übrigen wäre den Anstalten nach der bereits genannten Senatsentscheidung jedenfalls ein Ausgleich zu gewähren, falls ihnen auf der Grundlage einer verfassungswidrigen Festsetzung des Beitrags Mittel – etwa für nötige Investitionen – entgangen sein sollten, deren Bezug nach ihren früheren Bedarfsanmeldungen und den Feststellungen der KEF erforderlich war, um die Erfüllung des Rundfunkauftrags sicherzustellen (vgl. BVerfGE 119, 181 <242>). Auch insofern hätten die Beschwerdeführer darlegen müssen, warum ohne den Erlass einer einstweiligen Anordnung gleichwohl irreversible Nachteile eintreten sollten. Hierzu tragen die Beschwerdeführer ebenfalls nicht substantiiert vor.

[8]   2. Die Beschwerdeführer tragen auch hinsichtlich der Verfallsklausel in Art. 2 Abs. 2 des 1. MÄStV, deren einstweilige Außerkraftsetzung sie beantragen, die in § 32 BVerfGG vorausgesetzte Dringlichkeit nicht substantiiert vor. Sie begründen nicht näher, inwiefern die Verfallsklausel nach dem 31. Dezember 2020 einer Realisierung der angestrebten Beitragserhöhung rechtlich oder tatsächlich im Wege stehen sollte. Sie legen auch nicht dar, weshalb es für den Fall, dass eine einstweilige Außerkraftsetzung der Verfallsklausel in Art. 2 Abs. 2 des 1. MÄStV in dem vorliegenden Eilverfahren unterbleibt, nicht möglich sein sollte, dem Rechtsschutzbegehren der Beschwerdeführer in der Hauptsache zu entsprechen. Insbesondere erläutern sie nicht weiter, warum die Verfallsklausel – wie sie behaupten – vorläufig bis zur Entscheidung in der Hauptsache außer Kraft gesetzt werden müsste, um dem Land Sachsen-Anhalt – etwa auf Anordnung des Bundesverfassungsgerichts gemäß § 35 BVerfGG – ein Inkraftsetzen der Änderung des Rundfunkfinanzierungsstaatsvertrags auch nach Ablauf des Jahres 2020 zu ermöglichen. 

    Harbarth    Paulus    Baer

    Brotz    Ott    Christ

    Radtke    Härtel

 

29.12.2020 – MK

Print-Ausgabe 1/2021

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