Gefährdete Zukunft der WDR-5-Sendung „SpielArt“: Brief von Ensemble-Mitgliedern des Schauspiels Köln an WDR-Intendant Tom Buhrow

14.08.2015 •

14.08.2015 • Die Existenz der im Radioprogramm WDR 5 ausgestrahlten literarischen Sendung „SpielArt“ scheint aus Kostengründen gefährdet zu sein. Aus diesem Grund haben Ensemble-Mitglieder des Schauspiels Köln mit Datum vom 27. Juni 2015 einen Brief an WDR-Intendant Tom Buhrow geschrieben, in dem sie an den Senderchef appellieren, sich für den Erhalt qualitativ hochwertiger Sendungen wie „SpielArt“ einzusetzen. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“, der in Sachen „SpielArt“ beim WDR nachfragte, schrieb in seiner Ausgabe vom 11. August hinsichtlich der Antwort des Senders: «Der Westdeutsche Rundfunk bestätigte auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“, dass „derzeit in vielen Programmbereichen und Redaktionen, sowohl im Hörfunk als auch im Fernsehen, erarbeitet werde, wie künftig trotz finanzieller Einschnitte und Personalabbau weiterhin ein attraktives Programm gestaltet werden kann“. Auch die WDR-5-Sendung „SpielArt“ sei Gegenstand dieser Überlegungen – eine komplette Einstellung dieser Sendung sei allerdings nicht im Gespräch. Zum jetzigen Zeitpunkt könnten aber keine detaillierten Auskünfte gegeben werden.» Die MK dokumentiert im Folgenden den Brief der Kölner Schauspielerinnen und Schauspieler auf den sie inzwischen eine Antwort erhalten haben im kompletten Wortlaut. (Zu den geplanten Programmreformen beim WDR vgl. auch MK-Hefte Nr. 13/15 und 14/15.) MK

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Der Brief

Sehr geehrter Herr Buhrow,

wir, die unterzeichnenden Schauspielerinnen und Schauspieler, sind Ensemble-Mitglieder am Schauspiel Köln, die regelmäßig als freie Sprecher für Ihren Sender arbeiten.

Köln ist durch die Präsenz zweier großer Funkhäuser ein sehr spezieller Radio-Standort, der es uns ermöglicht, häufig und gerne für den Hörfunk zu arbeiten, obwohl das Theater natürlich unser Hauptbetätigungsfeld ist und bleibt.

Eine der Sendungen, für die wir alle regelmäßig arbeiten – und die wir selbst auch gerne hören – ist die Sendung „SpielArt“ auf WDR 5.

Sie ist eine der wenigen literarischen Sendungen Ihres Hauses, in der man regelmäßig Auszüge aus großen, bekannten, aber auch kleinen, weniger bekannten bzw. vergessenen Prosa-Werken hören kann. Kurze Erzählungen, Reisebetrachtungen, Abenteuergeschichten, Briefwechsel oder einfach nur interessante Texte, die keiner bestimmten literarischen Kategorie zuzuordnen sind.

So ist „SpielArt“ auch eine Fundgrube, eine Schatzkammer, in der man vergessene Texte von Autoren wie z.B. Bertolt Brecht oder Thomas Mann wiederfinden und andere, weniger bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller überhaupt erst entdecken oder neu entdecken kann.

Die Texte in der „SpielArt“ sind literarisch hochwertig, oft ungewöhnlich, manchmal schräg, unangepasst, aber immer besonders. Das macht den Reiz und die Qualität dieser Sendung aus.

Nun ist uns per „Flurfunk“ zu Ohren gekommen, dass die Sendung 2016 eingestellt werden soll. Es ist ja so, dass für „SpielArt“ in den letzten Jahren immer weniger Geld ausgegeben wird, was sich auch daran zeigt, dass auf der Internetseite des WDR ein „SpielArt“-Podcast zum Nachhören nicht bereitgestellt werden kann, was in Zeiten des Internet-Downloads, der Streaming-Dienste, Handy-Podcasts etc. sehr ungewöhnlich ist. Bestimmt verursachen die Rechte, die für die verschiedenen Texte an die Verlage, Urheber und Verwerter bezahlt werden müssen, in der Summe erhebliche Kosten. Muss es denn aber wirklich sein, dass ein großes Funkhaus wie Ihr Westdeutscher Rundfunk, eines der größten und renommiertesten in Europa, die Sparte Literatur radikal einspart und diese Löcher in der Folge nur noch mit Hörbüchern oder Übertragungen von Literatur-Festivals wie z.B. der lit.Cologne füllt? Oder, schlimmer, diese Löcher gar nicht mehr stopft, sondern nur noch leicht verdauliche, massengängige Mainstream-Kost anbietet. Sport, Musik und Tralalala.

Eine Sendung wie die „SpielArt“ aus dem Programm zu nehmen, würde, sicher nicht nur unserer Meinung nach, einen immensen Verlust von Radiokultur bedeuten.

Literatur von Hörbuchverlagen einzukaufen, kann, davon sind wir überzeugt, die ganz besondere Qualität der „SpielArt“ nicht ersetzen. Der Hörbuchmarkt, das wissen Sie, orientiert sich ausschließlich an, den wechselnden Moden unterworfenen, Bestsellerlisten und Verkaufszahlen des Büchermarktes. Mit nur ganz wenigen Ausnahmen werden ausschließlich Hörbücher produziert, bei denen von vornherein eine breite Öffentlichkeitsakzeptanz erwartet werden kann – oder solche, die unvermutet zu Bestsellern geworden sind. Das Hörbuch ist ein wunderbares Medium, es ist und bleibt aber ein kommerzielles Medium und bietet keinesfalls die Freiräume, die eine öffentlich-rechtliche Hörfunkanstalt besitzt, die es sich erlauben kann (und muss), auch „gegen den Strom zu schwimmen“.

Es geht auch um den – in Sonntagsreden – oft und gerne viel beschworenen öffentlich-rechtlichen KULTUR-Auftrag, der die Rundfunkanstalten dazu verpflichtet, Geld in die Hand zu nehmen, eigene Kulturleistungen zu erbringen, die den Zuhörer/Zuschauer unterhalten, aber eben auch zum Denken, zum Nachdenken anregen sollen. Für ein solches Programm, mit Ecken und Kanten, das nicht mit dem Strom schwimmt, zahlen wir gerne unsere Rundfunkgebühren (für ein flacheres Programm zahlen wir natürlich auch, aber eben weniger gerne).

Vielleicht ist es nur ein Gerücht, dass „SpielArt“ eingestellt werden soll. Vielleicht kommt ja eine andere, vergleichbare Sendung neu ins Programm, vielleicht auf einem anderen Sendeplatz. Das würde uns freuen.

Es wäre schön, wenn Sie unserer Sorge um die Erhaltung eines hohen Qualitätsstandards in Ihrem Programm Gehör schenkten. Denn wir wenden uns an Sie nicht als Radio-Sprecher, sondern vor allem auch als Radio-Hörer. Wir würden eine populistische Verflachung des Programms sehr bedauern.

In der Hoffnung auf Ihre Antwort verbleiben wir mit freundlichen Grüßen

Nikolaus Benda
Robert Dölle
Stefko Hanushevsky
Guido Lambrecht
Martin Reinke
Annika Schilling
Katharina Schmalenberg
(Schauspiel Köln)

14.08.2015 – MK

Eigendarstellung: So beschreibt der WDR in seinem Internet-Auftritt die Sendung „SpielArt“

Foto: Screenshot


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