Der Alltag mitten in der Pandemie: Ein Interview über Programmänderungen beim Deutschlandfunk

24.03.2020 •

Die Corona-Pandemie und die entsprechenden politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus (Kontaktverbot, zu Hause bleiben) haben auch zu Auswirkungen auf die Medien geführt. Im Bereich von Fernsehen und Hörfunk werden Programme umgestellt, die öffentlich-rechtlichen Sender bieten unter anderem vermehrt Bildungsfernsehen an für die Kinder und Jugendlichen, Fernsehgottesdienste erleben eine kleine Renaissance (vgl. diese MK-Meldung). Auch die Sender müssen damit rechnen, dass Mitarbeiter durch eine Corona-Infektion ausfallen und der Betrieb nicht im üblichen Umfang aufrechterhalten werden kann, wobei alle Medien versuchen, die Bevölkerung in Zeiten der Krise über den Stand der Dinge bestmöglich zu informieren. Als Beispiel für die Herausforderungen, die auf die Sender zukommen, dokumentiert die MK im Folgenden pars pro toto ein Interview über das am 23. März in Kraft getretene Corona-bedingten Sonderprogrammschema beim bundesweiten Deutschlandfunk (DLF). Das Interview führte Moderatorin Christine Heuer am Morgen des 23. März mit DLF-Chefredakteurin Birgit Wentzien.  MK

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Christine Heuer: Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! „Coronavirus – bekommen wir die Seuche in den Griff?“ ist unser Thema von 10.08 bis 11.30 Uhr, also zu der Zeit, zu der Sie gewöhnlich die Sendung „Kontrovers“ bei uns hören. [Musikeinspielung] 9.12 Uhr, Sie hören den Deutschlandfunk, tja, und wer wie Sie gerade eingeschaltet hat, der erwartet an dieser Stelle eigentlich unsere Sendung „Europa heute“ und hört etwas Anderes, etwas Neues: „Deutschlandfunk – Der Vormittag“. Das hat mit Corona zu tun und ist auch nicht für immer, sondern nur bis auf Weiteres so, vorerst geplant bis zum Ende der Osterferien. In der Krise strukturieren wir unser Programm etwas anders als sonst. Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien ist bei mir im Studio: Warum, Frau Wentzien, machen wir diese Strukturänderung?

Birgit Wentzien: Einfach, um vorbereitet zu sein für den Fall, dass weniger Kolleginnen und Kollegen an Deck sind im Sender. Darum haben wir unsere Arbeits­abläufe neu sortiert. Wir wollen unsere Kolleginnen und Kollegen schützen, viele arbeiten inzwischen, Frau Heuer, auch schon von zu Haus’, und wir wollen unseren Job tun, das steht in unseren Genen, das ist unser Auftrag: informieren, diskutieren, verlässlich die Wirklichkeit spiegeln. Dabei soll es bleiben, bei allen Strukturänderungen, die wir vorhaben und vorhaben müssen.

Christine Heuer: Ja, und welche Strukturänderungen haben wir denn vor?

Birgit Wentzien: Wir bündeln unsere Sendungen. Wir haben erweiterte Informationsstrecken, mit einer Moderatorin, einem Moderator im Tagesablauf, hier mit Ihnen, Frau Heuer, als Gastgeberin und mit den Kolleginnen und Kollegen, die ganze Woche hindurch, 10.08 Uhr mit der Wissenschafts- und Forschungsredaktion, und den bekannten Sendungen mit unseren Hörerinnen und Hörern, die hoffentlich auch heute wieder zahlreich anrufen. Die Verbraucherinformationen gehören dazu, zu allen Corona-Aspekten. Und wir haben beispielsweise im Kulturnachmittag eine große Strecke, in der es um Bildung, Kunst, Pop, Medien, Literatur geht, Religion und Kultur. Und wir wollen weiterhin schaffen, was wir uns vorgenommen haben, über Corona natürlich berichten, aber eben auch die anderen wichtigen Themen nicht außen vor lassen.

Newsletter und Podcast zu Coronavirus‑Auswirkungen

Christine Heuer: Ja, was muss ausfallen? Womit können die Hörer nicht mehr rechnen? Oder fällt gar nichts aus?

Birgit Wentzien: Ganz schlicht fällt aus die „Radionacht“. Das ist ja die Wortnacht mit den Pretiosen des Tages, die wir bislang seit 2013 im Programm hatten. Und weil wir jetzt die Strecken neu sortieren und die Inhalte weiterhin haben, aber nicht mehr die Sendungsformate, können wir keine „Radionacht“ stemmen. Wir haben vorübergehend darum die DLF-„Radionacht“ in der Woche zwischen 1.00 und 5.00 Uhr als Musikprogramm, nämlich die „Tonart“ von unserem Schwesterprogramm aus Berlin, vom Deutschlandfunk Kultur, mit eigenen Nachrichten weiterhin.

Christine Heuer: Also, man kann weiter Deutschlandfunk hören, man soll es auch.

Birgit Wentzien: Unbedingt!

Christine Heuer:Ja. Der Deutschlandfunk macht allen zudem ein ganz neues Angebot: unseren Newsletter. Was steht da drin und wie kommt man da dran?

Birgit Wentzien: Den gibt’s seit letzter Woche: der „Coronavirus-Newsletter“, immer nachmittags erscheint er. Man kann ihn abonnieren, wenn Sie auf unserer Website sind, deutschlandfunk.de, und so’n bisschen weiter runterscrollen, gibt’s das Abonnement mit allen wichtigen Beiträgen, übrigens aus allen drei Programmen, also in Blau, Orange und Grün, aus dem Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova.

Christine Heuer: Und es gibt noch etwas Neues: den Podcast „Coronavirus – Alltag einer Pandemie“. Worum geht es da und wie kann man den abrufen?

Damit wir all das stemmen können

Birgit Wentzien: Da geht’s heute Nachmittag los, ab 16.00 Uhr. Zu finden als Podcast auf allen gängigen Podcast-Plattformen. Ich bin sehr gespannt, wie uns da gelingt, den Alltag einzufangen, und zwar im Mittelpunkt stehen Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet, die von ihrem Alltag erzählen, es sind Fachleute, aber es sind auch Menschen, die alltäglich mit Corona kämpfen, da ist die Klinikärztin, der Kommunalpolitiker, der Krankenpfleger, die Forscherin – sie wollen wir begleiten und ihre Geschichte wollen wir erzählen, ihren Alltag mitten in der Pandemie.

Christine Heuer: Besonders in dieser schwierigen Zeit, die wir alle gerade durchleben, ist Information ungemein wichtig und auch nachgefragt. Schlägt sich das eigentlich in unseren Hörer- und User-Zahlen nieder?

Birgit Wentzien: Unbedingt! Das spüren wir ganz und gar und das ist das, würde ich sagen, größte Kompliment an alle Kolleginnen und Kollegen. Übrigens schaffen wir das nur, weil in der Kulisse die Technik bei uns ist, intensiv an unserer Seite, alle Sendeverantwortlichen, und die Idee, die ungeheuer Kraft nochmal in unsere Struktur hineingegeben hat, damit wir all das stemmen können. Und ich finde diese riesige Wertschätzung auch in Zahlen großartig für uns alle und für das Zusammenhalten in schwieriger Zeit und ich freu mich sehr darüber.

Christine Heuer: Und wir bleiben alle gemeinsam dran. Birgit Wentzien, die Chefredakteurin des Deutschlandfunk. 

24.03.2020 – MK