Den Schuss nicht gehört: Offener Brief der Drehbuchautoren an ARD-Programmdirektorin Christine Strobl

12.07.2021 •

Im Folgenden dokumentiert die MK im kompletten Wortlaut den offenen Brief, den der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) und die Drehbuchautoren-Initiative ‘Kontrakt 18’ am 24. Juni 2021 an ARD-Programmdirektorin Christine Strobl geschrieben haben. Es geht dabei um die Grundlagen für die künftige Zusammenarbeit. • MK

- - - - - - - - - - - - - - - - - - -

OFFENER BRIEF - per E-Mail -

an die ARD-Programmdirektion Fr. Christine Strobl

Sehr geehrte Frau Strobl,

zu Ihrer neuen Position als Programmdirektorin der ARD möchten wir Ihnen im Namen der über 600 vom Verband Deutscher Drehbuchautoren und Kontrakt 18 vertretenen Autorinnen und Autoren ganz herzlich gratulieren!

Wir sind begeistert, dass Sie schon vor Ihrem Dienstantritt angekündigt haben, weitreichende Reformen innerhalb des Senderverbunds anzuschieben. In Zeiten, da der öffentlich-rechtliche Rundfunk sowohl politisch als auch durch ein sich dynamisch veränderndes Nutzungsverhalten der Zuschauerinnen und Zuschauer massiv unter Druck gerät, braucht es zeitnah konsequente und mutige Erneuerungsanstrengungen. Wir alle sehen die Gefahr einer grundlegenden Legitimationskrise des ÖRR.

Schon in Ihrer Funktion als Programmgeschäftsführerin der Degeto haben Sie den Dialog mit uns Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren gepflegt. Denn spätestens mit Gründung der Initiative Kontrakt 18 war zumindest auch innerhalb der ARD-Redaktionen erkannt worden, dass das Einräumen weiterreichender Mitbestimmungsrechte für Drehbuchautorinnen und -autoren sowohl der Qualität der produzierten Programme als auch dem Klima der Zusammenarbeit zuträglich ist. Die Forderungen von Kontrakt 18 waren dabei weder anmaßend noch revolutionär, es ging den Initiatorinnen und Initiatoren lediglich darum, unzeitgemäße Arbeitsbedingungen und -prozesse den international gängigen Standards anzupassen.

Aber leider hat man in den entscheidenden ARD-Gremien den Schuss bis heute nicht gehört. Die an Kontrakt 18 orientierten „ARD/Degeto-Leitlinien zur Zusammenarbeit mit Drehbuchautor/innen“ erschöpfen sich in blumigen Absichtserklärungen und werden bei Vertragsverhandlungen mit sowohl sendereigenen Justiziaren als auch mit von der ARD/Degeto beauftragten Produktionsfirmen benutzt, um vertragliche Regelungen zur Mitsprache und Mitbestimmung von Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren zu verweigern. Aktuelle Evaluierungen bei VDD und KONTRAKT 18 haben gezeigt, dass der auch von Ihnen, Frau Strobl, formulierte Anspruch, wonach die „Leitlinien“ eine klare Marschroute für die Vertragsverhandlungen sein sollen, auf breiter Front unterlaufen wird. Sender Ihres Verbunds und deren Auftragsproduzenten – allen voran die Degeto – verweigern einem Großteil der Autorinnen und Autoren die K18-Punkte, aber auch Vertragsklauseln, die sich an den „Leitlinien“ orientieren.

Wir können Ihnen diesbezüglich gerne konkrete Fälle nennen, sowohl was einzelne Landesrundfunkanstalten betrifft (SWR, BR), als auch die Degeto sowie verschiedene Produktionsfirmen. Und nicht nur Kontrakt-18-Unterzeichnerinnen und -Unterzeichner machen diese Erfahrung, sondern auch zahlreiche im VDD organisierte Autorinnen und Autoren, die sich auf die Leitlinien als Vertragsanhang eingelassen haben und in der Praxis dann erleben müssen, dass diese völlig substanzlos und unverbindlich sind. Vermittlungsversuche der K18-Ombudsstelle blieben leider erfolglos.

K18 und VDD fordern daher, die K18-Forderungen für alle Autoren in Leitlinien verbindlich zu machen.

Wir werden deshalb einen zwischen VDD, Kontrakt 18 und unseren jeweiligen Anwälten abgestimmten Text-Vorschlag für neue vertragsverbindliche Leit­linien vorstellen und diese Vorschläge zum Gegenstand der GVR-Verhandlungen machen.

Wir fordern Sie auf, uns bis zum 15. Juli darüber zu informieren, wie Sie den Leitlinien rechtsverbindlich Geltung verschaffen wollen – in der ARD und bei den Produzenten.

Zudem sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass Schöpferinnen und Schöpfer einer Serie im Vor- bzw. Abspann auch so genannt werden. Denn dies ist ein weiteres Beispiel für die Rückständigkeit der ARD (und ein echtes Alleinstellungsmerkmal – im negativen Sinne!): Vor- und Nachspannregelungen, die vorsehen, dass die Schöpferinnen und Schöpfer einer Serie lediglich mit einem „Drehbuch“-Credit „belohnt“ werden, obwohl ihre Expertise meistens umfassend von der ersten Idee bis zur Produktion in das Projekt eingeflossen ist. Während Kontrakt 18 und der Verband Deutscher Drehbuchautoren einen aktuellen und sehr differenzierten Katalog zu den neuen Berufsbildern und Aufgaben von Autorinnen und Autoren und Creatorinnen und Creatoren ausgearbeitet haben, orientiert sich die ARD noch an Standards aus dem rein linearen Fernsehzeitalter!

Ihr Plan, in der ARD „unverwechselbare“ Geschichten zu erzählen – und „eigentlich jeden Monat einen Knaller wie ‘Babylon Berlin’. Mindestens.“ – wird sich nicht verwirklichen lassen, wenn Sie die Grundlagen der Zusammenarbeit mit den Kreativen nicht zeitnah auf jene verbindlichen Standards umstellen, die bei den Streamern, mit denen Sie um die kreativen Köpfe konkurrieren, längst üblich sind. Die positiven Erfahrungen, die unsere Kolleginnen und Kollegen in den letzten Jahren mit anderen Anbietern gemacht haben, zeigen: Autorinnen und Autoren Augenhöhe vertraglich zuzusichern, ist nicht nur ein Garant für starke Filme und Serien, es macht Verwerter für Kreative auch enorm attraktiv. Mit Mentalitäten und Mechanismen, die noch im vorherigen Jahrhundert wurzeln, wird die ARD im oft bemühten „Kampf um die Kreativen“ definitiv den Kürzeren ziehen.

„Es muss unser Anspruch sein“, sagen Sie, „Geschichten zu erzählen, die unverwechselbar in Deutschland und Europa stattfinden. Das kann Netflix zum Beispiel nicht. Da können wir selbstbewusst sagen: Das können nur wir.“

Erlauben Sie uns, anzumerken, dass diese „unverwechselbaren Geschichten“ von den Streamern als Markt längst entdeckt wurden. Wir sind jedoch sehr gerne bereit, diese Geschichten auch für Ihren Senderverbund zu kreieren. Das setzt jedoch voraus, dass Sie auf Augenhöhe mit uns Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren arbeiten wollen. Und diesem Wollen auch Taten folgen lassen.

Wir freuen uns, bis spätestens 15. Juli von Ihnen zu hören, und grüßen bis dahin freundlich!

Für den Verband der Deutschen Drehbuchautoren e.V. (VDD):

Prof. Peter Henning
Gf. Vorstand

Sebastian Andrae
Gf. Vorstand

Für Kontrakt 18 e.V. (K18):

Annette Hess
Vorstand

Volker A. Zahn
Vorstand

12.07.2021 – MK

` `