USA: Warner rüttelt an ehernen Gesetzen der Medienwelt

29.12.2020 •

„Wir leben in beispiellosen Zeiten, die nach kreativen Lösungen rufen.“ Ann Sarnoff, Chairwoman und Geschäftsführerin von Warner Media, dem Nachfolgekonzern von Warner Communications und Time Inc., sagte diesen Satz. Sie will damit erklären und rechtfertigen, was ihr Unternehmen gerade verkündet hat, um den Auswirkungen des Coronavirus und den rasanten Umschichtungen in der Medienlandschaft zu begegnen.

Man kann die Lösungen, die Warner Media anstrebt, kreativ nennen. Mehr aber noch sind sie radikal. Um ihr von mächtigen Konkurrenten wie Netflix und Disney plus bedrohtes Streaming-Angebot HBO Max zu stärken, werden Kinos und Fernsehsender nun durch eine solche „kreative“ Maßnahme von Warner Media unter in der Tat „beispiellosen“ Druck gesetzt. Die von den wegen der Viruspandemie verhängten Ausgangssperren ohnehin bereits schwer getroffenen Filmtheater und die durch immer zahlreichere Streaming-Wettbewerber in die Enge getriebenen herkömmlichen TV-Anbieter sehen sich einer Situation gegenüber, die sogar das Wort „Konkurs“ nicht mehr unaussprechlich erscheinen lässt.

Filmstarts simultan im Kino und per Streaming

Der Vorgang, der in den USA während der ersten Dezembertage die ganze Branche in Panik versetzte, war die Entscheidung von Warner Media, sämtliche Filme, die das Produktionsstudio Warner Bros. für das Jahr 2021 angekündigt hat, simultan in den Kinos und auf seiner Streaming-Plattform HBO Max herauszubringen. Das bedeutet: Schluss mit dem bisherigen Vorspielrecht der Kinos, heftige Konkurrenz für die Spitzenreiter des Streaming-Geschäfts und eine weitere Abnahme der ohnehin nachlassenden Attraktivität der linearen Programme der Networks und der Kabelfernsehanbieter. Vorerst wird der in der amerikanischen Presse heftig kritisierte Beschluss nur in den USA das bisher gewohnte Publikumsverhalten einigermaßen auf den Kopf stellen, weil HBO Max anderswo noch nicht zu empfangen ist. Die Befürchtung aber, das Vorbild könne bald auch in anderen Ländern der Welt Schule machen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Leisten kann sich einen solchen Angriff auf eherne Gesetze der Medienwelt natürlich nur jemand, der über ausreichende Kapazitäten verfügt. Da kommt dann gleich auch wieder das in jüngster Zeit so oft in den Vordergrund gespielte Schlagwort vom „Content“, dem inhaltlichen Angebot der zur Verfügung stehenden Ware, zum Zuge. Ann Sarnoff weiß nur zu genau, dass Inhalte – wie sie sagt – „die Blutader“ ihres Geschäfts sind. Und sie hat da nichts zu fürchten. Für das kommende Jahr kann sich Warner Media auf eine Fülle von hochattraktiven Filmproduktionen stützen. Von einer weiteren Fortsetzung des Science-Fiction-Thrillers „The Matrix“ über eine Neuverfilmung des Frank-Herbert-Romans „Dune“ bis zu einem „Sopranos“-Prequel unter dem Titel „The Many Saints of Newark“ tummeln sich im Angebot von Warner Bros. rund 20 Spielfilme der Spitzenklasse, von denen die Fachzeitschrift „Variety“ sagt, sie könnten Netflix und Amazon Prime nur schmerzhaft aufschreien lassen.

29.12.2020 – Ev/MK

Print-Ausgabe 14-15/2021

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