USA: Quibi, das neue 10-Minuten-Fernsehen

14.11.2019 •

Die Welt hat sich verändert, seit es Fernsehen gibt. Und mit ihr das Fernsehen selbst. Der ‘durchschnittliche’ Amerikaner sieht heute 70 Minuten pro Tag auf seinem Smartphone fern. Dass sich das Fernsehen dem hektischen Alltag der Menschen anpassen muss, gilt im Digitalzeitalter mittlerweile als eine zu beachtende Erkenntnis. Dass man dafür aber auch neue Formen und Inhalte erfinden muss, ist eine Schlussfolgerung, die in der TV-Branche durchaus noch nicht zum Allgemeingut gehört. Außer bei Quibi.

Quibi steht für „Quick Bites“, zu Deutsch etwa „Kurze Happen“, und ist eine Erfindung des Produzenten Jeffrey Katzenberg (vgl. MK-Meldung), der einst schon das Animationskino revolutioniert hat. Seine Idee ist ebenso umwälzend wie einfach: Es geht darum, Filme speziell fürs Anschauen auf dem Handy als Kurzformat zu produzieren und zu verbreiten, das heißt Filme, die sich in Mini-Episoden von fünf bis zehn Minuten zerlegen lassen, maßgeschneidert für den gehetzten Alltag der 20- bis 50-Jährigen. Sie erhalten Videohäppchen, die sich mittels Streaming zu jeder gewünschten Tageszeit auf jedem handelsüblichen Smartphone ansehen lassen, Pausenfüller sozusagen, mit denen auch noch das letzte bisschen Freizeit oder auch die Wartezeit am Bahnhof nutzbar gemacht werden kann. Die Meinungen dazu, ob das gut und wünschenswert ist, werden auseinandergehen, wenn Quibi am 6. April kommenden Jahres in den USA auf Sendung geht. Aber Katzenberg und seine Mannschaft sind sich sicher, dass es ein Erfolg sein wird.

Steven Spielberg mit dabei

Quibi hat für seinen Start eine Milliarde Dollar von Investoren wie Walt Disney, NBC Universal, Sony, Viacom und Warner Media erhalten. Dass diese Schwergewichte aus der Medienbranche dabei sind, darf als Zeichen dafür gewertet werden, dass Jeffrey Katzenberg mit seinem Optimismus nicht alleine dasteht. Als Chief Executive Officer (CEO) bei Quibi fungiert Meg Whitman, die einst Chefin von Ebay (1998 bis 2007), Präsidentin und CEO von Hewlett Packard (2011 bis 2018) und republikanische Kandidatin für das Gouverneursamt von Kalifornien war, das sie 2010 nur knapp verfehlte.

Kein Geringerer als Steven Spielberg sitzt schon monatelang am Schreibtisch und entwickelt eine Anthologie-Serie unter dem Titel „Spielberg’s After Dark“ für Quibi. Weitere große Regie- und Autorenstars von Kino und Fernsehen wie Steven Soderbergh, Guillermo del Toro, Sam Raimi, Catherine Hardwick und Antoine Fuqua tun es ihm gleich. „Diese Leute, die zu den bewährtesten und fähigsten in der heutigen Fernsehindustrie gehören, werden Quibi zu einem Erfolg machen“, sagt Katzenberg.

In jeder freien Minute fernsehen

Richtig ins Gespräch gekommen ist Quibi aber durch sein unorthodoxes geschäftliches Konzept. Katzenberg spricht von einer „neuen Form des filmischen Erzählens“, die er mit Quibi populär machen will. Was er damit meint, ist die von vornherein intendierte doppelte Nutzbarkeit der erzählten Geschichten und ihres filmischen Formats: Jede Serie wird als etwa zwei- bis vierstündiger Film produziert, der in seiner Konzeption so angelegt ist, dass er sich in kurze Segmente aufteilen lässt, wie die Kapitel eines Romans. Die sollen so aussehen, dass sie in Arbeitspausen, in der U-Bahn, kurz vor dem Einschlafen oder in jeder anderen freien Minute angeschaut werden können. Ziel ist es, während des ersten Jahres von Quibi rund 7000 solcher „Kapitel“ anzubieten. Quibi zu abonnieren, soll den Kunden monatlich 4,99 Dollar für den Abruf mit Werbespots und 7,99 Dollar ohne Werbung kosten.

Was die Produzenten zu Quibi lockt, ist ein neuartiges Eigentümer- und Rechtemodell. Quibi erwirbt die Senderechte an den Episoden für eine Maximaldauer von sieben Jahren. Nach zwei Jahren gehören die Rechte an der einem Spielfilm ähnelnden Langfassung aber dem Produzenten, der berechtigt ist, sie weltweit zu seinen eigenen Gunsten zu verkaufen. Faktisch bedeutet das, dass der jeweilige Produzent kein eigenes Kapital investieren muss, jedoch zwei Jahre nach Fertigstellung die Langfassung eines Films exklusiv zur Verfügung hat. Kein Wunder, dass bei einer Präsentation dieses Quibi-Konzepts kürzlich in Los Angeles „Ohs“ und „Ahs“ durch die Reihen der Anwesenden gingen.

14.11.2019 – Ev/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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