USA: Neutrale, meinungsfreie Nachrichten im Fernsehen

15.09.2020 •

Die großen Parteitage der demokratischen und der republikanischen Partei liegen hinter den amerikanischen Wählern. Sie haben, wie nicht anders zu erwarten war, das Volk wieder einmal geteilt, doch in diesem Jahr noch deutlicher wahrnehmbar als vor Donald Trumps Präsidentenzeit. Politische Kommentatoren sind sich längst darüber klar, dass die Polarisierung der amerikanischen Öffentlichkeit während der Amtsperiode von Donald Trump auf ein Extrem gestiegen ist, wie es dies in der amerikanischen Parteiengeschichte selten, wenn überhaupt, gegeben hat. Seit Januar 2017 ist der heute 74-jährige Trump 45. Präsident der Vereinigten Staaten, im November will der Republikaner wiedergewählt werden. Sein Konkurrent von der demokratischen Partei ist Joe Biden.

Die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft spiegelt sich überall in den Medien, insbesondere in den Sendungen der auf Nachrichten spezialisierten Kabelnetworks. Die von Ted Turner bei der Gründung seines 1980 ins Leben gerufenen Nachrichtenkanals CNN in die Welt gesetzte These, nicht die Moderatoren, sondern die Nachrichten würden künftig der Star sein, gilt längst nicht mehr. Überall im US-Fernsehen sind es die „Anchormen“ und „Anchorwomen“ der Nachrichtensendungen, die sich regelrecht eine Gefolgschaft gebildet haben und deren individuelle, meist von unverkennbarer Parteitreue beherrschte Präsentation den Ausschlag bei den Einschaltquoten gibt. Das geht inzwischen so weit, dass sogar die auf allen Kanälen verfolgbaren Live-Übertragungen der Parteitage von Anhängern der demokratischen Partei überwiegend bei MSNBC und von Republikanern bei Fox News eingeschaltet wurden, da die beiden Sender jeweils dem entsprechenden politischen Spektrum zugeordnet werden.

Die neue Sendung „News Nation“

Umso überraschter und mit großem Interesse wurde vor diesem Hintergrund die Meldung aufgenommen, dass es in den USA künftig eine Nachrichtensendung im Fernsehen geben wird, die explizit eine „neutrale, meinungsfreie Präsentation des Tagesgeschehens“ anbieten will. Die zur abendlichen Primetime ausgestrahlte Sendung heißt „News Nation“, dauert drei Stunden (20.00 bis 23.00 Uhr) und wurde am 1. September gestartet. Veranstalter der Sendung ist die in Irving (Texas) beheimatete Nexstar Media Group, die „News Nation“ nun im Programm ihres Kabelnetworks WGN America anbietet, das sie 2019 vom Unternehmen Tribune Media gekauft hatte. WGN America (Sitz: Chicago) ist in rund 80 Mio Haushalten in den USA empfangbar, das Programm des Senders beinhaltet hauptsächlich eine Mischung aus Komödien und dramatischen Serien und Filmen. Deren Anteil am Abendprogramm ist nun um die für „News Nation“ reservierten Stunden reduziert worden. Durch sein neues Informationsangebot könnte sich das Network womöglich als ernstzunehmender Konkurrent auf dem Sektor Fernsehnachrichten platzieren.

Für die Produktion seines neuen Nachrichtensegments kann WGN America auf die 185 regionalen TV-Stationen von Nexstar und die 5400 Angestellten in deren lokalen Nachrichtenbüros zurückgreifen. Wie die „Los Angeles Times“ berichtete, wird die Redaktion von „News Nation“ auch über ein Büro in Los Angeles und einen für die amerikanische Westküste zuständigen Korrespondenten verfügen; das Büro ist bei der zum Nexstar-Konzern gehörenden TV-Station KTLA angesiedelt, deren Studios und Räumlichkeiten sich im Stadtteil Hollywood befinden. Die Nachrichtenagentur Reuters wird für „News Nation“ internationale Reportagen beisteuern.

Die drei Hauptmoderatoren der Sendung sind Rob Nelson, Joe Donlon und Marni Hughes. Sie kommen von Regionalsendern und sind für die meisten Zuschauer „unbeschriebene Blätter“, was vermutlich – neben der Kostenersparnis – ganz im Sinne der Gründer ist, weil dies dem Ziel förderlich sein dürfte, eine Berichterstattung zu bieten, die nicht von teuren Starmoderatoren, sondern von den Nachrichten selbst geprägt wird. Ob die inzwischen auf Rachel Maddow (MSNBC), Sean Hannity (Fox News) oder Don Lemon (CNN) eingeschworenen Zuschauer ihren Ikonen aber abtrünnig werden, ist eine ganz andere Frage. „News Nation“ ist mit seinen „neutralen“ Nachrichten letztlich auch ein Experiment. Ob es gelingt, muss sich noch erweisen müssen.

15.09.2020 – Ev/MK