USA: Nachrichtensendungen in einer Zeit dreier Krisen

25.06.2020 •

Es ist lange her, dass der legendäre Walter Cronkite für das US-amerikanische Fernsehpublikum Maßstäbe setzte, die ihm das Vertrauen der ganzen Nation einbrachten. Heute ist es eher umgekehrt: Es gibt in der Welt der Fernsehnachrichten kaum noch Persönlichkeiten wie Cronkite und bei der Berichterstattung steht mehr die optische und akustische Präsentation im Vordergrund, die für Glaubwürdigkeit sorgen soll, als die Person des Moderators. Sich zwischen den immer zahlreicher gewordenen Nachrichtenangeboten zu entscheiden, fällt dem Zuschauer angesichts der Mode gewordenen Mixtur aus nervtötenden Effekten und spekulativer ideologischer Zuspitzung immer schwerer.

Natürlich gibt es Unterschiede: Der Nachrichtenkanal Fox News ist von seiner Tendenz her rechts und MSNBC favorisiert linke Positionen. Doch diese Polarisierung hat im Lauf des letzten Jahrzehnts zu einer Spaltung des US-amerikanischen Publikums geführt und auch zu einer Abkehr von den immer noch relativ maßvollen Nachrichtensendungen der Broadcast-Networks hin zu den sich in extremer Gegensätzlichkeit profilierenden Programmen der Kabelnetworks. Sag mir, welche Nachrichtenprogramme du siehst, und ich sage dir, wes Geistes Kind du bist: So leicht lässt sich in den USA inzwischen identifizieren, welche Partei jemand wählt.

„Manchmal muss man einfach einen Schritt zurücktreten“

Nun gibt es im Land gleich drei Krisen zur selben Zeit: die Corona-Pandemie, die Wirtschaftsflaute und nach der Tötung des Afroamerikaners George Floyd in Minneapolis durch einen Polizisten die Proteste gegen den grassierenden Rassismus in den USA. Diese Massierung an Problemen trägt dazu bei, dass sich einzelne Redaktionen und Moderatoren des US-Fernsehen wieder auf alte Ideale besinnen und mit der Frage ringen, ob sie nicht nur als politische Hilfesteller auftreten, sondern auch als Individuen erkennbar sein sollten.

Und da sagte zum Beispiel Lester Holt, der Chefmoderator der Sendung „NBC Nightly News“, einen überraschenden Satz wie diesen: „Manchmal muss man einfach einen Schritt zurücktreten und zugeben, dass sich da mehr als nur eine Story vor unseren Augen abspielt, dass dort Menschen auf tiefgreifende Weise betroffen sind.“ Und Holt zieht daraus die Schlussfolgerung: „An manchen Abenden wissen es die Zuschauer zu schätzen, wenn man durch Worte einen Weg findet, ihren Schmerz, ihre Unsicherheit und ihre Angst ernst zu nehmen.“

Vielleicht bringen für die Nachrichtensendungen im amerikanischen Fernsehen die drei Krisen ja tatsächlich auch etwas Gutes. Wo in den letzten Jahren Routine und parteipolitische Anbiederung zum Standard geworden sind, lassen sich nun Funken von Humanität entdecken, die einst ja auch bei Nachrichtenmoderatoren wie Tom Brokaw (NBC) und Dan Rather (CBS) zum journalistischen Alltag gehörten. Das Publikum scheint sie wahrzunehmen. Ende Mai lagen die Einschaltquoten für Lester Holt und seine Sendung um 13 Prozent über denen vom Mai 2019.

25.06.2020 – Franz Everschor/MK

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