USA: Kapitulation der Broadcast-Networks?

25.10.2021 •

Für das amerikanische Fernsehpublikum gibt es eine jahrzehntelange Tradition: Ende September/Anfang Oktober beginnt die neue TV-Saison. Vom Publikum mit Spannung erwartet und von den Werbeabteilungen der Broadcast-Networks über viele Wochen hin vorbereitet, traten im frühen Herbst die Stars des bevorstehenden Programmjahres zum ersten Mal auf dem Bildschirm in Erscheinung, wurden neue Heldinnen und Helden geboren, über deren Fortleben die Zuschauer durch das Ausmaß ihrer Anhänglichkeit in den kommenden Monaten zu entscheiden hatten. Da ging es für die Networks ABC, CBS, NBC, Fox und CW jedes Jahr um alles oder nichts. Wer die Feuerprobe des Saisonbeginns bestand, hatte zumeist für das nächste Programmjahr ausgesorgt.

Es blieb dem Herbst 2021 vorbehalten, dass mit dieser Tradition Schluss gemacht wurde. Und es war nicht einmal Corona, das alles aus den Angeln hebende Virus, dem man die Schuld daran anlasten könnte. Es war vielmehr die Konkurrenz. Was zunächst einmal erstaunlich ist, denn mit Konkurrenz hatten es die Networks immer schon zu tun. Zu Beginn ihrer Existenz machten sie sich selbst das Leben schwer, dann hatten sie die Anziehungskraft der Kabelsender zu überwinden und mussten sich gegen die Popularität von Videos, DVD und BluRay und die Abwanderung junger Zuschauer zu den Social Networks zur Wehr setzen. Was auch immer das ausgehende 20. Jahrhundert den Networks in den Weg legte, konnte ihre Beliebtheit beim Publikum dennoch nicht auslöschen. Aber dann kam das Streaming und mit dem Streaming eine Konkurrenz, die den Sendern ernstlich zu schaffen macht.

Neues kommt von den Streaming‑Anbietern

Wie ernst die Lage für die Broadcast-Networks seit der Ankunft der Streaming-Anbieter geworden ist, zeigt sich in diesen Tagen bei einem Blick auf das Programmschema der jeweiligen Sender. Wo die vom Erfolg verwöhnten Networks noch vor wenigen Jahren mit einer Vielzahl neuer Serienproduktionen klotzen konnten, breitet sich diesmal ein Teppich von unattraktiven Angeboten aus, unter denen Ableger schon lange erprobter Konzepte wie „NCIS“ (CBS), „Chicago P.D.“ und „Law and Order“ (beide NBC) noch am vielversprechendsten aussehen. Serien wie „Magnum P.I.“ (CBS) und „The Blacklist“ (NBC) kehren zurück. Die Suche nach originellen neuen Ideen führt hingegen immer wieder zu den diversen Streaming-Anbietern, die sich mit Eigenproduktionen geradezu überschlagen. Netflix allein kündigte für den Rest des Jahres jede Woche eine neue Originalproduktion an, während Disney plus und HBO Max kaum dahinter zurückbleiben.

Nicht einmal auf einem Sektor, der seit Beginn ihrer Existenz ein verlässliches Standbein der Broadcast-Networks war, wagen sie sich noch auf das unsicher gewordene Terrain: Zwei der vier großen Networks, nämlich NBC und Fox, strahlen in diesem Herbst keine einzige Live-Action-Sitcom aus. Wie das Printmagazin „Entertainment Weekly“ vorrechnet, markiert das für NBC das erste komplett humorlose Abendprogramm seit dem Jahr 1948. Man könnte fast meinen, die neue TV-Saison in den USA ist Ausdruck einer Kapitulation der Broadcast-Networks. 

25.10.2021 – Ev/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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