USA: Kabelnetworks verlieren an Bedeutung

03.11.2020 •

Seit vielen Jahrzehnten sind die Broadcast-Networks die Säulen des US-amerikanischen Fernsehmarkts. Doch immer wenn sich die Diskussion um die Zukunft des Fernsehens in den Vereinigten Staaten drehte, waren es diese Networks wie ABC, NBC oder Fox, deren Fortbestand am häufigsten in Frage gestellt wurde. Immerhin konnte sich die Konkurrenz der Kabelsender auf die doppelte Einnahmequelle verlassen, denn sie finanzieren sich aus Werbung plus Abonnementgebühren.

Doch seit dem Siegeszug der Streaming-Plattformen sieht das anders aus, wobei seit diesem Jahr hinzukommt, dass die Corona-Pandemie das Freizeit- und damit auch Sehverhalten des Publikums nochmal verändert hat. Das bedeutet: Die Broadcast-Networks sind wieder zu einer Art Basisversorgung geworden und ihre frei empfangbaren Programme werden stärker wahrgenommen; wer mehr will, bucht dafür heutzutage immer häufiger die Streaming-Angebote – und die Kabelsender haben das Nachsehen. Auf deren zumeist teure Paket­angebote verzichten immer mehr amerikanische TV-Haushalte.

Im Oktober gingen Nachrichten durch die US-Presse, dass NBC Universal die Investitionen in seine Kabelnetworks radikal verringert und den einst hochangesehenen Job der Kabelnetwork-Präsidenten ganz abschaffen möchte. Zu dem Konzern gehörende Kabelsender wie SyFy, E! und das USA Network sollen verkleinert und Programmentscheidungen zentralisiert werden. Vor zehn Jahren gab es in den USA 105 Mio Haushalte mit Pay-TV-Abonnements, so sind es jetzt noch 82,9 Mio – Tendenz weiter fallend.

Und den sogenannten Basic-Cable-Networks (die ohne Abonnement empfangbar sind) geht es nicht besser. So sagt Chris Long, der einstige Programmchef des Satellitenfernsehanbieters DirecTV: „Irgendwann werden die Leute zu der Erkenntnis kommen: Ich kann alles, was ich will, im Streaming bekommen und brauche nicht länger 180 Programme, von denen ich nur zwölf benutze.“ Der Abmagerungsprozess hat längst begonnen. Laut dem US-Fachblatt „Variety“ ging die Sehbeteiligung für populäre Kabelnetworks im Jahr 2019 erheblich zurück: So verlor Nick at Nite 24 Prozent und FX 21 Prozent, das USA Network verbuchte ein Minus von 19 Prozent, und bei den Turnern-Sendern TBS und TNT ging es um 16 bzw.14 Prozent nach unten.

Kooperationen mit Streaming-Anbietern

Viele Kabelnetworks haben einst als Nischenprogramme begonnen und im Lauf der Jahre die Erfahrung gemacht, dass gerade solche Angebote vom Publikum am dankbarsten aufgenommen wurden. Was zum Beispiel bei dem auf Immobilienthemen konzentrierten Sender HGTV (vgl. MK-Artikel) zu Anfang gerade einmal zwei Sendereihen ausmachte („House Hunters“ und „House Hunters International“), hat sich im letzten Jahrzehnt auf eine ganze Palette mehr oder weniger mit der Haussuche verknüpfter Reihen ausgeweitet, deren Moderatoren sich mittlerweile großer Beliebtheit erfreuen. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte der Gedanke, Networks wie HGTV könnten einmal in die Spitzengruppe der Kabelsender aufrücken, auch die größten Optimisten erstaunt. Doch genau so etwas passiert, wenn ein Virus die Menschen auf die eigenen vier Wänden zurückwirft.

Mehr denn je bestimmen Liebhabereien inzwischen die Programmwahl. Das zeigt sich auch daran, dass ein Bestand an möglichst vielen „Lieblingsfilmen“ am meisten zum bisherigen Überleben der Kabelnetworks beigetragen hat. Die Folge davon ist, dass man in deren Sendeplan immer und immer wieder dieselben Titel vorfindet. So gab es in der Fernsehsaison 2019/20 die 1990 bzw. 1997 gedrehten Kinohits „Pretty Woman“ und „Titanic“ nicht weniger als jeweils rund 50 Mal bei verschiedenen Basic-Cable-Networks zu sehen.

Die Medienkonzerne, die sowohl hinter den Kabelnetworks als auch hinter den großen Streaming-Plattformen stehen, scheinen zur Zeit noch eine Politik des Abwartens zu betreiben. Optimisten hoffen, dass es ihnen gelingen könnte, beide Branchen miteinander zu verzahnen, so wie es jeweils als Kooperation von Kabelnetwork und Streaming-Plattform der Sender FX und Hulu, National Geographic und Disney plus sowie die Turner-Sender und HBO Max getan haben. Andere Branchenbeobachter sehen es pessimistischer und halten, wie das „Wall Street Journal“ jüngst schrieb, Kabelnetworks inzwischen grundsätzlich für überholt.

03.11.2020 – Ev/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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