USA: Gibt es schon bald zu viele Streaming-Angebote?

22.11.2019 •

Anfang dieses Jahres berichtete das Forschungsinstitut Nielsen Media Research, 16 Mio amerikanische Fernsehhaushalte hätten den Empfang der Programme herkömmlicher TV-Networks gekündigt. Ob bei dieser Entscheidung des Publikums auch bereits neu angekündigte Streaming-Angebote wie etwa die von Disney oder Apple eine Rolle gespielt haben, wurde nicht mitgeteilt. Gewiss ist allerdings, dass im Lauf des Jahres die Erwartung des Publikums, in allernächster Zukunft eine bessere Auswahl zu bekommen, deutlich gestiegen ist.

Von dieser Erwartung hat das am 12. November gestartete neue Streaming-Angebot Disney plus offensichtlich profitiert, und zwar weit mehr als erwartet. Vorausgesagt hatten Analysten 8 Mio Abonnenten bis zum Ende dieses Jahres. Angemeldet haben sich nach Angaben der Walt Disney Company jedoch bis zum Ende des Starttages bereits 10 Mio Haushalte. Ein großer Erfolg für das junge Unternehmen? Ja und nein. Die Zahlen bestätigen die Hoffnung des Disney-Konzerns, bis Ende 2024 weltweit zwischen 60 Mio und 90 Mio Abonnenten ansammeln zu können. Der Start von Disney plus (monatlich 6,99 Dollar) hat aber zugleich auch gezeigt, dass es gar nicht so einfach ist, auf die Schnelle ein Streaming-Angebot aus der Taufe zu heben.

Holpriger Start für Disney plus

Wer in den USA am 12. November versuchte, Disney plus zu buchen, stieß auf eine Menge unvorhergesehener Schwierigkeiten. Viele Versuche, sich einzuloggen, scheiterten. Den Disney-Kundendienst anzurufen, brachte keine Abhilfe, denn der war völlig überlastet. Bis zu über einer Stunde mussten die Anrufer warten, um eine freie Leitung zu erhalten. Die amerikanische Presse quittierte den holprigen Start als Katastrophe, Disney versuchte sich damit zu entschuldigen, dass man eine derart hohe Nachfrage nicht erwartet habe.

Wenn bei Disney plus demnächst einmal alles reibungslos läuft und sich die Fehler beim Europa-Start am 31. März 2020 nicht wiederholen, wird das neue Streaming-Angebot nach Meinung der führenden Analysten eine goldene Zukunft haben. Mit 500 Spielfilmen, 7500 Serien-Episoden und dem gesamten Archiv von Disney, Pixar, Marvel, Lucasfilm und National Geographic an den Start zu gehen (vgl. diese MK-Meldung und diese MK-Meldung), das verschafft der neuen Plattform fraglos einen Vorsprung gegenüber den meisten Konkurrenten. Da bedarf es fast schon gar nicht mehr der neuen „Star-Wars“-Serie „The Mandalorian“ und der von Disney mit viel Tamtam angekündigten Serie „The Morning Show“, um die Aufmerksamkeit des potenziellen Publikums zu wecken.

Dennoch bewegt derzeit sowohl die Veranstalter wie auch die professionellen Kommentatoren in den USA verstärkt die Frage, ob sich die vielen Streaming-Angebote, die bald zur Verfügung stehen, nicht irgendwann gegenseitig den Garaus machen werden. Laut einer vor wenigen Wochen veröffentlichten Umfrage der Unternehmen TV Time und United Talent Agency scheint da Schlimmes auf die hoffnungsfrohen Streaming-Veranstalter zuzukommen. Selbst ein mit so optimistischen Perspektiven gestartetes Angebot wie Disney plus wird sich ab dem kommenden Jahr nicht mehr allein von Netflix, Amazon und Hulu, sondern auch von Apple TV plus, HBO Max und Peacock, dem Streaming-Angebot von NBC, umlagert sehen. In der erwähnten Umfrage bezeichneten 70 Prozent der Befragten das als zu viel. Und das war noch vor dem Start von Disney plus.

Lästiges Hin- und Herschalten

Weniger als die Hälfte der Befragten, nämlich 42 Prozent, gab an, demnächst ein Streaming-Angebot abonnieren zu wollen. 20 Prozent sagten, sie würden sich sogar für zwei entscheiden. 34 Prozent waren sich hingegen sicher, gar kein Streaming-Abo in Erwägung zu ziehen. Die Frage, was der Hauptgrund für ihre Entscheidung sei, beantworteten 87 Prozent davon mit der Angabe „zu teuer“. Doch die finanzielle Seite scheint nicht allein den Ausschlag zu geben. 67 Prozent der Streaming-Skeptiker sehen es als zu lästig an, zwischen den ganzen Angeboten hin- und herschalten zu müssen, um zu finden, was sie interessiert.

Preislich wird es große Unterschiede zwischen den einzelnen Streaming-Plattformen geben, von Apple TV plus mit 4,99 Dollar bis zu HBO Max mit 14,99 Dollar monatlich. Aber Apple hat auch kein Filmarchiv anzubieten, sondern verlässt sich ganz auf seine mit Stars gespickten Eigenproduktionen. Wie sich das Publikum verhalten wird, wenn im nächsten Jahr der Wettbewerb voll losgeht, lässt sich auch mit Umfragen nur ansatzweise ermitteln. Sicher scheint allerdings zu sein, dass es einen spannenden Kampf der Giganten geben wird, dem nicht zuletzt das gute alte lineare Fernsehen verstärkt zum Opfer fallen könnte.

22.11.2019

Print-Ausgabe 24/2019

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