USA: Führungswechsel bei der Walt Disney Company

26.03.2020 •

In seiner im September 2019 erschienenen Biografie „The Ride of a Lifetime“ schrieb Robert A. Iger, schon anderthalb Jahrzehnte lang Chief Executive Officer (CEO) der Walt Disney Company, die Sätze: „Wir alle möchten glauben, dass wir unersetzbar sind. Der Trick ist, selbstkritisch genug zu sein, um sich nicht an der Vorstellung festzuklammern, die einzige Person zu sein, die den Job tun kann.“ Nun hat Iger, 69, nach seiner Überzeugung gehandelt. Kurz vor Ende Februar stellte er seine Position im mächtigsten Entertainment-Betrieb der Welt zur Disposition. Sogar Insider zeigten sich überrascht, endet doch sein Vertrag mit dem Unternehmen erst am 31. Dezember 2021. Bis dahin will Iger der Firma als Executive Chairman verbunden bleiben, um „deren kreative Vorhaben zu leiten.“ Man hätte es ahnen können.

Für viele Außenstehende kam Robert Igers Entscheidung sehr plötzlich. Igers Nachfolger ist inzwischen schon im Amt. Es ist, wie zu erwarten war, eine interne Lösung geworden: Bob Chapek, 60, der schon seit 27 Jahren zum Disney-Personal gehört und zuletzt für Disneys Vergnügungsparks und das Konsumgeschäft zuständig war, hat am 25. Februar die Führungsposition übernommen. 

Weniger Umsatz wegen Coronakrise

Iger will seine Aufmerksamkeit in den Monaten bis zum Ablauf seines Vertrags ganz auf die kreative Seite des Geschäfts richten. „Das ist sehr, sehr wichtig“, sagte er in einem Telefoninterview, „besonders jetzt, wo wir Disney plus überall auf der Welt herausbringen. Dabei alles richtig zu machen, ist mein Ziel Nummer eins. Ich könnte das nicht, würde ich das Unternehmen auf einer Tag-für-Tag-Basis leiten.“ Als Iger das sagte, spielte das Coronavirus weltweit noch eine geringe Rolle. Inzwischen gehört auch die tägliche Reaktion auf die Ausbreitung der Epidemie zu Igers Aufgaben im Disney-Konzern.

Selbst angesichts des Werteverfalls im Gefolge der Coronakrise hat die Walt Disney Company derzeit immer noch einen Börsenwert von rund 170 Mrd Dollar. Die Freizeitparks des Konzerns sind inzwischen geschlossen und die Kinos ebenfalls. Dem Streaming-Angebot Disney plus mit seinen bereits 30 Mio Abonnenten in den Vereinigten Staaten kommt nun plötzlich erhöhte Bedeutung zu und es dürfte in den kommenden Wochen und Monaten auch in Europa stärkere Beachtung finden als ursprünglich bereits erwartet. 11 Mrd Dollar Umsatz machte Disney im vergangenen Jahr und setzte sich damit an die Spitze des weltweiten Kino­geschäft. Eine solche Umsatzsumme wird in diesem Jahr aller Voraussicht nach nicht erreicht werden. Das Minus wird kompensiert werden müssen und das ist nun die große Aufgabe von Bob Chapek. Walt Disney Studios, Walt Disney Animation, Marvel, Pixar, Lucasfilm und 20th Century Studios unter­stehen nun alle dem neuen CEO.

Chapek, erst der siebte CEO in der fast 100-jährigen Geschichte von Disney, ist außerhalb des Konzerns wenig bekannt. Er hat sich die Karriereleiter hochgehangelt wie so viele Executives in Hollywood. Sein Studium der Mikrobiologie und seine Anfangstage bei dem Ketchup-Hersteller Heinz liegen lange zurück, aber auch seine ersten Aufgaben im Hause Disney haben ihn nicht unbedingt für die Führungsposition prädestiniert. Er arbeitete für Buena Vista Home Entertainment, die Videoabteilung von Disney, und als Präsident der Tochterfirma Disney Consumer Products. Seit 2015 war er für die Freizeitparks des Unternehmens zuständig.

Bob Chapek gilt als steif, wenig charismatisch und von einer „unzynischen Bewunderung für Disneys sentimentalen Unterhaltungsstil“ („New York Times“) beherrscht. Seine strategischen Fähigkeiten hat er allerdings schon vor langer Zeit unter Beweis gestellt. Auf ihn geht zum Beispiel die von allen Fernsehsendern der Welt regelrecht gehasste „Einkellerung“ der ikonischen Animationsfilme von Disney zurück, die zur Folge hatte, dass die Filme für das Fernsehen „off limits“ waren, was Disney erlaubte, sie zyklisch in den Kinos und später auf DVD wiederkehren zu lassen. Die Frage, womit sich Bob Chapek als Robert Igers Nachfolger qualifiziert, wird in US-Branchenkreisen meist ähnlich beantwortet wie von dem Medienanalysten Michael Nathanson: „Er ist ein richtig netter Mensch und Teil der Disney-Kultur, was wichtig ist.“

26.03.2020 – Ev/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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