USA: Filmfestivals gehen in Zeiten von Corona online

28.05.2020 •

Der Reihe nach haben im Gefolge der Coronakrise alle für das Frühjahr und den Sommer dieses Jahres geplanten Filmfestivals ihre Veranstaltungen abgesagt. Nur Venedig spielt noch mit dem Gedanken eines reduzierten Festivals Anfang September und die amerikanischen Festspiele South by Southwest haben 39 Filme kurzerhand zur Streaming-Präsentation auf Amazon Prime Video verlagert. Die Festival-Leinwände zwischen Cannes und Mumbai bleiben dunkel. Aber die Veranstalter und die Filmindustrie wollen trotzdem nicht ganz vor dem Coronavirus kapitulieren. Unter Führung der New Yorker Tribeca-Festivals haben sich 20 von ihnen entschlossen, ihre Vorbehalte gegenüber dem Streaming zumindest für eine Weile aufzugeben: Auf YouTube organisieren sie ein Online-Festival „We Are One“, das vom 29. Mai bis 7. Juni unter der Web-Adresse youtube.com/weareone anwählbar ist.

Während der zehn Tage des geplanten Festivals sollen Filme gezeigt werden, die von den teilnehmenden Organisationen für ihre Live-Veranstaltungen in Erwägung gezogen wurden, allerdings würden keine – wie es in der Ankündigung heißt – Blockbuster-Filme dabei sein. Man darf sich jedenfalls auf eine vielseitige Auswahl von Spielfilmen, Kurzfilmen und Dokumentationen freuen, wird aber auf die ganz großen Titel, die für gewöhnlich die Filmfestspiele der Welt mit Stars bevölkern, weiter warten müssen. Ohne bisher zu wissen, welche Titel es in die YouTube-Auswahl schaffen, ist die Annahme ziemlich sicher, dass viele Filme von kleinen und unabhängigen Produzenten den Sprung auf den Bildschirm machen werden.

Nutzt es auch den Filmemachern?

Das „We-Are-One“-Festival ist für den Zuschauer kostenlos und wird die dort gezeigten Filme nicht durch Werbeschaltungen unterbrechen. Die Veranstalter rufen jedoch zu Spenden zugunsten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und regionaler Organisationen zur Bekämpfung des Coronavirus auf. Zu den 20 Teilnehmern gehören unter anderem die Berliner Filmfestspiele (Berlinale) und die Festivals von Cannes, Locarno, San Sebastián, New York, Toronto, Sundance, Tokio und Mumbai.

Sowohl die Festivals als auch das Publikum werden von Veranstaltungen dieser Art profitieren, die aufgrund der coronabedingt geschlossenen Kinos interessante neue Filme nun zur Erstausstrahlung ins Netz stellen. Ob Online-Festivals aber auch im Sinn der Filmemacher sind, hat jetzt schon eine Diskussion losgetreten, die nach Schluss des „We-Are-One“-Experiments weiterer Vertiefung bedarf. Vorerst kann niemand abschätzen, ob eine solche Veranstaltung den Filmemachern bei der späteren anderweitigen Verbreitung ihrer Filme hilft oder nicht. Geld werden sie erst einmal keines sehen, und ob Verleiher und Streaming-Anbieter wie Netflix geneigt sein werden, Filme in ihr Programm aufzunehmen, die ihre Premiere bereits hinter sich haben und auf YouTube von einer beträchtlichen Zahl von Zuschauern gesehen wurden, bedarf erst einmal eines Beweises.

28.05.2020 – Ev/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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