USA: Emmy-Nominierungen spiegeln reale Trends wider

10.08.2020 •

Trends und Tendenzen des Gesamtangebots im Film- und Fernsehsektor der USA lassen sich beim Wettbewerb um die Emmy Awards meist verlässlicher an den Nominierungen als an den später verkündeten Preisen ablesen. So kann man es auch in diesem Jahr wieder sehen. An den zur Auszeichnung durch die Jury in Frage kommenden Produktionen, die am 28. Juli bekanntgegeben wurden, lässt sich erstaunlich korrekt ablesen, was sich während der vergangenen Monate auf amerikanischen Bildschirmen getan hat und wie das Publikum mit der Fülle alter und neuer Angebote umgeht.

Nie zuvor hatte der Zuschauer eine so große Auswahl. Von den Serien der traditionellen Broadcast-Networks über die Angebote der im Bewusstsein der Amerikaner fest etablierten Kabelsender bis hin zu den jederzeit verfügbaren Produktionen der immer zahlreicheren Streaming-Plattformen gab es in der TV-Saison 2019/20, die den jetzigen Emmy-Nominierungen zugrunde liegt, mehr zu sehen als jemals sonst in der Geschichte des Fernsehens.

Weltuntergangsstimmung, Rassismus, politische Korruption und Superhelden bestimmen den Inhalt der neunteiligen HBO-Serie „Watchmen“, die auf einer 1986 erschienenen Comic-Buchreihe basiert und sowohl die reale derzeitige politische Stimmung in den USA als auch die stilistischen Vorlieben des amerikanischen Kino- und Fernsehpublikums überzeugender widerspiegelt als irgendeine andere Produktion des Jahrgangs 2019/20.

Auch die deutsche Serie „Unorthodox“ ist dabei

Folgerichtig setzte sich „Watchmen“ mit 26 Nennungen an die Spitze der Nominierungen. In der Serie steht beim Kampf gegen den Rassismus und eine White-Supremacy-Untergrundbewegung eine afroamerikanische Polizistin im Mittelpunkt, dargestellt von Regina King, die auch für einen Emmy nominiert ist (in der Kategorie „Beste Haupt­darstellerin in einer Serie“). Die führende Rolle von „Watchmen“ bei den Nominierungen bestätigte damit auch, dass sich die Emmys – ähnlich wie die Oscars – allmählich von ihrer einseitigen Ausrichtung auf ‘weiße’ Themen und Darsteller entfernen. Gesellschaftlicher Druck hat bei dieser Entwicklung eine nicht unbedeutende Rolle gespielt, aber auch die Fragmentierung der Fernsehlandschaft, die mehr Platz für ‘nicht-weiße’ Geschichten und Talente, vor allem auch für Frauenrollen geschaffen hat. Die beträchtliche Zahl von Nominierungen, die beim Emmy Award diesmal auf ‘schwarze’ Inhalte und Filmemacher entfallen sind, legt Zeugnis davon ab.

In früheren Jahren hieß es immer HBO, wenn es darum ging, preiswürdige Leistungen ausfindig zu machen. In einer Zeit, in dem das Streaming mehr und mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, war zu erwarten, dass diese Vorrangstellung immer stärker angefochten werden dürfte. Aber nicht das Streaming im Allgemeinen, sondern Netflix im Besonderen hat diese Entwicklung bestätigt. Bei den Emmy-Nominierungen des Vorjahres lag HBO noch mit insgesamt 137 Nennungen vor Netflix, das auf 117 kam. In diesem Jahr hat sich das Verhältnis umgekehrt: Netflix hat die mit 160 Nominierungen die Spitze erklommen, HBO rangiert mit 107 Nominierungen auf dem zweiten Platz. Ähnlich sieht es in der Realität aus. Mit weltweit knapp 200 Millionen Abonnenten hat Reed Hastings Streaming-Plattform die Konkurrenz weit abgehängt.

Zwei der alten Broadcast-Networks haben es bei den Emmys diesmal noch auf 47 (NBC) bzw. 36 (ABC) Nominierungen geschafft. Amazon Prime Video ist mit 30, Hulu mit 26 Nennungen im Rennen. Die jungen, erst seit kurzem auf dem Markt befindlichen Streaming-Anbieter Disney plus und Apple TV plus brachten es auf 19 bzw. 18 Nominierungen. Und diesmal hat es sogar eine in Deutschland produzierte internationale Miniserie auf die Liste der Emmy-Nominierten geschafft, und zwar die Produktion „Unorthodox“, bei der Maria Schrader Regie führte (vgl. MK-Kritik). Die Serie erhielt acht Nominierungen, darunter eine in der Kategorie „Outstanding Limited Series“, und sie wurde – man wundert sich nicht – für Netflix produziert.

10.08.2020 – Ev/MK