USA: Eine neue Fernsehsaison, die kaum ein Thema ist

08.10.2020 •

Wer gedacht hatte, die Corona-Pandemie wäre bis zum Beginn der traditionellen Herbstsaison der amerikanischen Broadcast-Networks überwunden, sieht sich getäuscht. Heißt das aber, dass die Sender deshalb davon profitieren können, dass die Menschen weiterhin mehr denn je zu Hause sind? Auf den ersten Blick mag es so aussehen, denn Millionen von Amerikanern hocken derzeit in der Tat länger vor ihren Fernsehgeräten als in früheren Jahren. Ungewollt haben die Menschen mehr Freizeit, als sie es je erahnt hätten, doch sie haben in dieser Zeit andere Unterhaltungsmedien entdeckt und sind nicht mehr in gleichem Maß auf die Angebote der seit Jahrzehnten etablierten Fernsehsender angewiesen.

Die Broadcast-Networks befinden sich in einer Zwangssituation, wie es sie in ihrer Geschichte noch nicht gegeben hat. Selbst 9/11 und gelegentliche Autorenstreiks konnten den Produktions- und Sendebetrieb nicht so nachhaltig aus der Bahn werfen wie die Coronakrise. Eigentlich müssten die Sender mit allen Kräften gegen die allmählich übermächtig werdende Konkurrenz der vielen Streaming-Anbieter ankämpfen; sie müssten mehr als jemals zuvor Kapital und Talent aufbieten, um wenigstens ihr Stammpublikum weiter an sich zu binden; sie müssten mit vermehrter Qualität und neuen Formaten junge Zuschauer anlocken. Aber ein Blick auf die Programmankündigungen für die nächsten Monate zeigt wenig davon.

Zeitungen streichen Programmübersichten

Das ist nicht einmal die Schuld der Networks, denn auch sie konnten die Katastrophe, die über die Welt hereingebrochen ist, nicht voraussehen. Anfangs hatten sie gehofft, die Coronakrise – und damit deren Folgen für Planung und Produktion – werde so rasch wieder verschwinden, wie sie gekommen sei. Die unverantwortlichen Verharmlosungen der Pandemie durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump haben zu diesem Denken gewiss erheblich beigetragen. Als dann unausweichlich feststand, dass die Film- und Fernsehstudios auch im Sommer und Herbst dieses Jahres lahmliegen würden, sahen sich die Sender auf Notlösungen zurückgeworfen. Es ging nicht nur darum, Löcher im Sommerprogramm zu stopfen, sondern vor allem um das Ziel, die Herbstsaison zu retten, soweit es noch etwas zu retten gab.

Eigentlich hätte die TV-Saison 2020/21 der Broadcast-Networks mit Pomp eingeläutet werden müssen. Stattdessen ist zu beobachten, dass das, was die neue Saison bringt, derzeit kaum irgendwo ein Thema ist, vor allem nicht in den für die Resonanz so wichtig gewordenen sozialen Medien. Nicht einmal Tageszeitungen wie die „New York Times“ und die „Los Angeles Times“ liefern mehr die sonst zu dieser Jahreszeit üblichen Elogen auf die Aktivitäten der Networks – mangels neuer Produktionen, vor allem im Serienbereich. Stattdessen sind in den Zeitungen eher Beiträge zu lesen, die Nachrufen ähneln. So schrieb etwa die „Los Angeles Times“ am 4. September: „Is the old idea of a fall TV schedule down the tubes?“, also: Geht die alte Idee von einem Herbst-Sendeplan den Bach runter? Bemerkenswert auch, dass die beiden Tageszeitungen gerade jetzt in den Printausgaben den Abdruck der täglichen Übersichten zum Fernsehprogramm eingestellt haben.

Es wird sich bald herausstellen, ob die einst so maßgebliche Herbstsaison der Broadcast-Networks diesmal weitgehend unter Ausschluss öffentlicher Resonanz und mit signifikant weniger Zuschauern stattfinden wird. Die von den Networks bekannt gegebenen Sendepläne lassen jedenfalls kaum große Hoffnung auf Erfolg aufkommen. Die Sender Fox und CW stützen sich hauptsächlich auf Ankäufe und Serien, die bereits vor der Pandemie in Produktion waren. NBC importiert eine weitere Krankenhausserie („Transplant“) aus Kanada, ABC verlässt sich auf Programmangebote wie die Dating-Gameshow „The Bachelorette“ und CBS strahlt einfach viele Wiederholungen aus. Abgesehen davon hoffen alle Networks, dass sie wenigstens der Sport nicht ganz im Stich lässt. Aber auch das ist alles anderes als garantiert.

08.10.2020 – Ev/MK

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