USA: Disneys Aufbruch in die neue Streaming‑Ära

22.05.2019 •

Hollywood war jahrzehntelang die Heimat der US-amerikanischen Filmproduktion. Die Erzeugnisse der großen Studios wurden gehütet wie ein Augapfel: „Keinen Meter Film fürs Fernsehen“, das war lange Zeit das Schlagwort, gegen das einst die junge TV-Industrie anzukämpfen hatte. Unter dem Druck des Publikums begann dann in den späten 1960er Jahren der Ausverkauf der so sorgsam beschützten Kinoware. Die Studios etablierten eigene Produktionszweige für Fernsehfilme und Serien und ihre Muttergesellschaften investierten in das damals neue Kabelfernsehen.

Von dort an war es noch ein weiter Weg bis zur nächsten revolutionären Umorientierung, der massenhaften Abwanderung der Zuschauer zum Videostreaming, wie es derzeit geschieht. Wer heute im Streaming nicht festen Fuß fasst, wird morgen in Hollywood nichts mehr zu melden haben. Das ist die inzwischen kaum noch angezweifelte Meinung der Branchenexperten. Und wer die Medienzukunft beherrschen will, der muss sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Konkurrenz aus dem Silicon Valley wappnen.

Milliarden-Investitionen

Keiner tut das besser als die Walt Disney Company. Noch vor nicht allzu langer Zeit hielt das Unternehmen die Hand über sein wertvolles Archiv und begrenzte zum großen Ärger aller modernen Verwertungsketten den Zugriff auf Disney-Klassiker und deren Nachfahren. Damit ist es jetzt vorbei. Bei der unlängst erfolgten Vorstellung des neuen Streaming-Angebots Disney Plus öffnete Bob Iger, der Chef des Konzerns, alle Tore. Nichts ist mehr tabu, weder „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ noch „Der König der Löwen“ oder „Star Wars“ und „Avengers“. Mit Disney Plus will das Unternehmen in die Vollen gehen, um Netflix und die anderen neuen Konkurrenten das Fürchten zu lehren.

Rückblickend sieht es beinahe so aus, als ob Disney seit zwei Jahrzehnten nichts anderes getan hätte, als sich auf diesen Zeitpunkt vorzubereiten. Die Zukäufe von Lucasfilm, Pixar, Marvel und Fox nehmen sich aus wie sorgsam kalkulierte Stationen auf dem Weg zum Beherrscher eines neuen Medienzeitalters, zu einem Anbieter, dem das Publikum in Strömen zulaufen soll und wahrscheinlich auch wird.

Am 12. November dieses Jahres soll es in den USA mit Disney Plus losgehen, im ersten Quartal des nächsten Jahres dann auch in Westeuropa und Teilen des asiatischen Kontinents, in Lateinamerika im Jahr 2021. Disney ist darauf vorbereitet, zuerst einmal rote Zahlen zu schreiben, denn nicht weniger als eine Milliarde Dollar ist jährlich für die Eigenproduktion vorgesehen; dass soll sich bis 2024 auf 2,5 Mrd Dollar pro Jahr steigern. Allein 2020 will das Unternehmen zusätzlich 1,5 Mrd Dollar für Lizenzrechte ausgeben.

Hulu und ESPN Plus

Den Abonnenten wird das neue, werbefreie Angebot monatlich nur 6,99 Dollar kosten. Das ist etwa die Hälfte dessen, was man in den USA für den populärsten Netflix-Service zahlen muss. In den USA soll es sogar ein Jahresabonnement geben, das den Abo-Preis für Disney Plus noch weiter drückt: Wer mindestens ein Jahr abonniert, muss monatlich im Schnitt nur 5,83 Dollar zahlen, nicht mehr als für einen Hamburger bei McDonald’s. Man ist geneigt, Bob Iger zu glauben, dass er mit seinem neuen Streaming-Angebot in zwei Jahren die ganze Welt erobert haben werde.

Was wird es bei Disney Plus zu sehen geben? Gleich im ersten Jahr nach dem Start zum Beispiel 7500 Episoden neuer und alter Fernsehserien, 25 Originalserien, zehn speziell für Disney Plus produzierte Spielfilme, 400 Filme aus dem Archiv und 100 Spielfilme aus den letzten Jahren. Sogar das „Marvel Cinematic Universe“ wird für Spin-offs im Serienformat angezapft werden. 250 Stunden Programm aus dem Fundus von National Geographic kommen hinzu und die beliebtesten Produktionen von 21st Century Fox, dem jüngsten Zukauf von Disney (vgl. diese MK-Meldung und diese MK-Meldung). Darunter befindet sich alles von „The X-Files“ („Akte X“) bis zum Spielfilm „Bohemian Rhapsody“, nicht zu vergessen der Dauerbrenner „The Simpsons“ mit sämtlichen 30 Jahrgängen.

Die Zukunftsstrategie der Walt Disney Company enthüllt sich aber erst vollends, wenn man berücksichtigt, dass der Konzern ja, was das Streaming angeht, sogar auf drei Füßen stehen wird: Denn neben Disney Plus hat er noch Hulu und ESPN Plus im Angebot. Analysten erwarten, dass die Streaming-Plattform Hulu bis zum Jahr 2024 mindestens 40 Mio Abonnenten haben wird, ESPN Plus mit seinem Sportangebot etwa halb so viele. Von Kleinkindern über Kinogängern aller Altersgruppen bis zu eingefleischten Sportfans dürfte also vermutlich jeder ein maßgeschneidertes Angebot aus dem Hause Disney finden.

22.05.2019 – Ev/MK