USA: Disney-Konzern setzt ganz auf digitale Medien

20.10.2020 •

Als Folge der Coronakrise mussten überall in der Welt die Kinos schließen. Inzwischen sind Kinobesuche je nach Region zum Teil wieder möglich, aber das nur unter erheblichen Einschränkungen. In New York City beispielsweise sind die Kinos immer noch geschlossen. So hat sich das Zentrum des Filmgeschäfts coronabedingt von den Kinosälen in die digitalen Videostreaming-Plattformen verlagert.

Die für den Herbst angekündigten Blockbuster der Hollywood-Studios wurden einer nach dem anderen ins kommende Jahr verschoben oder in den Streaming-Bereich verlagert. Wer etwa in den USA die neuesten Filme sehen will, muss sich ein Abonnement bei Netflix, Disney plus oder Warner Media (HBO Max) zulegen. Gleichzeitig ist in den USA eine mit großen Schritten fortschreitende Abnabelung des Fernsehpublikums von den traditionellen Bezugsquellen – sei es das Broadcast- oder das Kabelfernsehen – zugunsten der digitalen Medien zu beobachten.

Hier das Kreative, dort das Geschäftliche

Als kürzlich auch noch der mit Spannung erwartete Animationsfilm „Soul“ des erfolgreichen Pixar-Studios zum Streaming-Angebot Disney plus umdirigiert wurde, war der Branche klar, dass die großen Entertainment-Konzerne bereits dabei sind, Konsequenzen auch für die Zeit nach einem Abklingen der Viruspandemie zu ziehen. Einen dramatischen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung mit der jetzt bekannt gegebenen Umorganisation der Walt Disney Company, die sowohl in der amerikanischen Film- und Fernsehindustrie als auch an der Börse als bisher deutlichstes Zeichen einer ganz auf die digitalen Medien konzentrierten Zukunft angesehen wird.

Es sind nicht nur kleine interne Veränderungen, über die die Führungsriege des Disney-Konzerns die Angestellten und die Öffentlichkeit Mitte Oktober informiert hat, sondern grundsätzliche Umorganisierungen der Unternehmensstruktur, die das Schema, wie Film- und Fernsehproduktionen zukünftig hergestellt und ausgewertet werden, auf den Kopf stellen. Im Endergebnis laufen all diese Veränderungen darauf hinaus, das „Content Business“, also alle Aspekte der Produktion, von der Distribution zu trennen. „Das neue System“, erklärte Disney-Konzernchef Bob Chapek, „wird den für die kreative Seite Verantwortlichen gestatten, sich ganz auf das zu konzentrieren, was sie am besten können, nämlich Filme, Serien und Fernsehshows zu produzieren, und andere darüber nachdenken zu lassen, wie sie diese Produkte in die Welt bringen. Oder kurzgefasst: Wir wollen die kreativen Geister kreativ sein lassen und das Geschäft den Geschäftsleuten überlassen.“

Streaming wichtiger als Kino und Fernsehen

Das klingt nicht zufällig nach dem Rezept des Streaming-Weltmarktführers Netflix, dem nicht nur die Walt Disney Company, sondern auch Unternehmen wie Warner Media und NBC Universal nacheifern. Die Politik der letzten Monate, mit der Disney seine Streaming-Plattform Disney plus gestartet hat, hat das deutlichste Beispiel dafür geliefert, dass die Rechnung aufgehen kann: Disney plus ist noch nicht einmal ein ganzes Jahr auf dem Markt und hat weltweit schon über 60 Mio Abonnenten, womit die Schätzungen der Experten weit übertroffen wurden. Netflix hat derzeit rund 195 Mio zahlende Nutzer.

Am meisten zu befürchten haben von einer Neuorganisation wie jetzt bei Disney die Kinobesitzer, denn eines macht der Konzern in der detaillierten Beschreibung seiner zukünftigen Aktivitäten sonnenklar: Nicht mehr die Einspielergebnisse der Kinos werden im Mittelpunkt der kommerziellen Bewertung eines Projekts stehen, sondern die Nutzbarkeit auf den Streaming-Plattformen des Unternehmens. Immer wieder taucht in den Beschreibungen der Begriff „direct-to-consumer“ (direkt zum Verbraucher/Zuschauer) auf. Und das wird sich auf längere Sicht auch auf das traditionelle Fernsehen auswirken, das sich darauf einrichten muss, hinter den Streaming-Angeboten, ebenso wie die Kinoauswertung, nur noch die zweite Geige zu spielen. Diese Entwicklung wäre mit Sicherheit auch ohne die Viruskrise eingetreten, aber durch Covid-19 ist sie nun auf nicht voraussehbare Weise beschleunigt worden.

20.10.2020 – Ev/MK

Print-Ausgabe 24/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `