USA: Die ungewisse Zukunft des Pay‑TV‑Senders HBO

09.09.2019 •

Seit über vier Jahrzehnten ist der Pay-TV-Sender HBO der leuchtende Stern am Himmel anspruchsvoller Fernsehmacher und Zuschauer. Bis zum vergangenen Jahr, als der Streaming-Anbieter Netflix zum ersten Mal bei den Primetime Emmy Awards unübersehbar von sich reden machte (vgl. MK 21/18), war HBO der unangefochtene Anführer einer idealistischen Minderheit, die Fernsehen nicht nur als genormte Massenunterhaltung ansieht. So konnte sich HBO – die drei Buchstaben stehen für Home Box Office – mit Slogans schmücken wie „There’s No Place Like HBO“ oder „The Best Time On TV“. Im Jahr 2019 aber stellen sich die Zuschauer von HBO die Frage, ob das auch weiterhin so bleiben wird (vgl. hierzu diese MK-Meldung).

Wenige Wochen vor der nächsten Verleihung der Emmy Awards am 22. September in Los Angeles rauscht es im amerikanischen Blätterwald und besorgte HBO-Fans melden sich via Twitter. Sie machen ihrer Befürchtung Luft, dass HBO als ein von finanzstarken Streaming-Konkurrenten umlagerter, neuerdings von dem Telekommunikationsgiganten AT&T beherrschter und unter dem Dach von Warner Media gar nicht mehr so selbständiger Sender nun zu Kompromissen gezwungen werde, die sich unvermeidbar auf dem Bildschirm niederschlagen müssten.

Ende der künstlerischen Freiheiten?

Ausgelöst wurden solche Besorgnisse vor allem durch eine Ankündigung im Gefolge der Übernahme von Time Warner durch AT&T (vgl. diese MK-Meldung und diese MK-Meldung), dass nämlich HBO in Zukunft wesentlich mehr werde produzieren müssen als bisher. Hatte nicht das hohe Niveau der HBO-Serien viel damit zu tun, dass man dort selektiver und bedächtiger arbeiten konnte, weil es keinen Zwang zur Massenproduktion und zum Mainstream gab? Waren nicht gerade dadurch namhafte Hollywood-Regisseure und -Darsteller, die sich bis dahin dem Fernsehen verweigert hatten, angelockt worden? Unter dem Dach von Time Warner wurde HBO als weitgehend unabhängiges Unternehmen geführt (was auch für die Turner-Sendergruppe und das Filmstudio Warner Brothers galt).

Ein Blick auf die kürzlich veröffentlichten HBO-Planungen für die kommenden Monate scheint nun die Befürchtungen zu bestätigen: Die zu füllenden Programmstunden sind um rund 50 Prozent gestiegen. HBO begründet das mit der stark angewachsenen Zahl von Abonnenten, die sich ebenso rasch wieder umorientieren könnten, wenn sie bei dem neuen Sender ihrer Wahl nicht viel mehr Angebote fänden als bisher. Diese Entwicklung wäre auch ohne AT&T unvermeidlich gewesen, verteidigte sich Casey Bloys, der Präsident von HBO Programming. Auch in Zukunft werde man nicht davon ablassen, so Bloys, „wunderschöne Shows für ein anspruchsvolles Publikum zu machen, Shows, die die Welt, in der wir leben, reflektieren“.

Zusammenarbeit mit Stephen King

Vieles wird aber nicht mehr so sein wie in der Vergangenheit. HBO müsste eine große Ausnahme sein, könnte sich der Sender freimachen vom Druck der beiden Unternehmen, dem er jetzt ausgesetzt ist. Mag sein, dass sich AT&T und Warner Media aus Einzelheiten der zukünftigen Produktionspolitik heraushalten, doch sie werden gewiss nicht darauf verzichten, den Rahmen abzustecken, in dem sich HBO bewegen muss. Ob die künstlerischen Freiheiten, die HBO für Kreative aus der Film- und Serienbranche so attraktiv gemacht haben, im Konkurrenzumfeld von Netflix, Amazon und Disney und mit Blick auf das eigene Streaming-Angebot HBO Max unangetastet bleiben können, wird von vielen innerhalb und außerhalb des Hauses skeptisch beurteilt.

Die HBO-Spitze weist solche Gefahren weit von sich. Sie beruft sich auf erfolgreiche neue Serien wie „Succession“ und „Chernobyl“ sowie auf die laufende Produktion von „The Outsider“, der ersten Zusammenarbeit von HBO mit dem Bestseller-Autor Stephen King. Die Senderverantwortlichen glauben an den Fortbestand ihres Erfolgs bei der bevorstehenden Emmy-Verleihung. Noch thronen sie auf „Games of Thrones“, das Auszeichnungen en masse abräumte, und leugnen alle die Gefahr, dass auch sie einmal in den Orkus der Massenunterhaltung stürzen könnten wie die meisten Überlebenden ihrer Branche.

09.09.2019 – Ev/MK