USA: Die Beliebtheit des „True‑Crime“‑Fernsehens

11.12.2019 •

Kein Serienformat des US-amerikanischen Fernsehens hat durch die veränderten Sehgewohnheiten im Digitalzeitalter mehr Auftrieb bekommen als die „True-Crime“-Produktionen, in denen tatsächliche Kriminalfälle auf dokumentarische Weise nachgestaltet werden. Während die fiktionalen Serien bei den Networks aufgrund der wachsenden Konkurrenz durch die neuen Streaming-Angebote um ihre Weiterexistenz bangen müssen, setzen die ‘alten’ Sender immer mehr auf Ausflüge in die Welt realer Verbrechen, um die Neugier des Publikums auf außergewöhnliche oder gar sensationelle Kriminalfälle zu bedienen. True-Crime-Serien wie „Dateline“ (NBC), „CSI: Crime Scene Investigation“ (CBS) und „American Crime Story“ (FX) gehören in den USA inzwischen zu den einträglichsten Sendungen des linearen Fernsehens. Als Vorteil für die Networks kommt hinzu, dass bei den Streaming-Plattformen entsprechende Formate bisher kein regelmäßiger Bestandteil des Angebots sind.

Das Broadcast-Network NBC strahlt zum Beispiel über seine diversen zum Unternehmen gehörenden Sender jede Woche 90 Stunden von „Dateline“ aus. Die US-Fachzeitschrift „Variety“ berichtet, allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2019 hätten insgesamt 106 Mio Zuschauer mindestens für kurze Zeit bei einer „Dateline“-Episode zugesehen. Das auf „True Crime“ spezialisierte Pay-TV-Network Investigation Discovery erreicht nach eigenen Angaben 85 Mio Haushalte. Der Sender HLN (früherer Name: Headline News), ein Schwesterprogramm des Nachrichtensenders CNN, hat unter dem Obertitel „Forensic Files“ inzwischen 406 Folgen seines ausschließlich „wahren Verbrechen“ gewidmeten Angebots in seinem Archiv, wiederholt sie unentwegt zu wechselnden Tageszeiten und wird im Februar kommenden Jahres mit der Ausstrahlung neuer Folgen beginnen.

NBC-Erfolgsformat „Dateline“

Wie beliebt das Genre schon seit einiger Zeit beim Publikum ist, zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass es inzwischen nach dem Vorbild der Kinomesse CinemaCon auch eine dreitägige Großveranstaltung unter dem Namen CrimeCon gibt, bei der sich der Zulauf zuletzt um 20 Prozent vergrößerte und wo die Fans 199 Dollar Eintritt zahlen, um den Stars aus den „True-Crime“-Produktionen persönlich zu begegnen.

Obwohl es bei den „True-Crime“-Serien um Reportagen über wahre Kriminalfälle geht, gibt es auch dort Stars wie etwa den heute 72-jährigen Keith Morrison, der viele der „Dateline“-Episoden moderiert hat und zuvor Nachrichtenkorrespondent für NBC, PBS und das kanadische Network CTV war. Morrison ist ein lebendes Exempel für die Herkunft von „Dateline“, das in den 1990er Jahren, als man fürs Fernsehen nach neuen Formen suchte, aus einer Art News-Magazin hervorgegangen ist. Jene Sendung war ein Versuch, es auf ihre Weise dem seit Jahrzehnten erfolgreichen und bis heute unübertroffenen CBS-Nachrichtenmagazin „60 Minutes“ gleichzutun, und präsentierte investigative politische Reportagen und Interviews. Es war die Zeit, als der live im Fernsehen übertragene Prozess gegen den früheren American-Football-Spieler und Schauspieler O.J. Simpson die Aufmerksamkeit des Publikums beherrschte und das Kabelnetwork Court TV mit Gerichtsreportagen zum Teil spekulativer Art von sich reden machte.

„Dateline“ stand mit seiner Konkurrenz zu „60 Minutes“ nicht allein. ABC und CBS boten ähnlich konzipierte Sendungen wie „20/20“ und „48 Hours“ an. Bald kam für NBC der Zeitpunkt, sich davon abzusetzen und „Dateline“ ein anderes Profil zu geben. Bis zum heutigen Tag besteht man bei dem Network darauf, die Sendung unter den Nachrichtenmagazinen einzureihen, obgleich es nur sehr bedingt Nachrichten sind, die hier im Ein- und Zwei-Stunden-Format dramatisiert werden. Die „Dateline“-Sendungen bestehen aus einer Mischung aus dokumentarischer Rekonstruktion und klug eingebauten Interviews. Zumeist enden die Folgen im Gerichtssaal. Ein Trick verhilft den Sendungen zu einem Anschein von Nachrichtenberichterstattung: Die einzelnen Segmente werden von Lester Holt anmoderiert, dem Anchorman der Hauptnachrichtensendung von NBC.

NBC News produziert jedes Jahr 100 Stunden neue Episoden von „Dateline“. Derzeit gibt es davon jeden Freitagabend zwei Stunden im Hauptprogramm des Networks zu sehen. Die Serie wird aber auch von den Sendern MSNBC, Discovery Investigation, OWN, TLC, Oxygen und dem USA Network wie auch von zahlreichen Lokalsendern ausgestrahlt. Finanzielle Zahlen dazu sind nur begrenzt verfügbar. Analysten kamen zu dem Ergebnis, dass sich im Jahr 2018 ein Umsatz von 127,3 Mio Dollar aus den Network- und Syndication-Einnahmen von „Dateline“ ergeben hat. Die Herstellungskosten sollen bei weniger als 400.000 Dollar pro Folge liegen, konkurrenzlos niedrig also im Vergleich zu heutigen Spitzenserien.

11.12.2019 – Ev/MK