USA: Die Amtseinführung von Präsident Joe Biden im Fernsehen

29.01.2021 •

Die Bilder vom Sturm gewalttätiger Anhänger des zu diesem Zeitpunkt noch amtierenden US-Präsidenten Donald Trump auf das Kapitol in Washington, die einige Tage vorher den Bildschirm beherrscht hatten, waren noch frisch im Bewusstsein des Fernsehpublikums, als Joseph R. Biden Jr. am 20. Januar in einem auf das Notwendigste reduzierten Festakt als 46. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wurde. Die Zeremonie wurde in den USA und vielen Staaten der Welt live übertragen.

Nicht zuletzt mit Hilfe des Fernsehens hatte Bidens Vorgänger Donald Trump das Volk in seinem Denken gespalten wie selten zuvor ein Präsident der Vereinigten Staaten. Würde sich diese Spaltung auch bei Bidens Inaugurationsfeier manifestieren? Würde gar die Gewaltbereitschaft vieler Trump-Anhänger die Zeremonie stören oder gar unmöglich machen? Jedenfalls wurde die Amtseinführung von Joe Biden zum „am stärksten militarisierten Inauguration Day in der modernen Geschichte Amerikas“ („Los Angeles Times“). Aber obwohl dann keine der Befürchtungen eintrat, waren die Übertragungen der Feierstunde doch unverkennbar von ihnen überschattet. Wie stark, das war allerdings eine Frage des jeweiligen Senders, den man als Zuschauer in den USA eingeschaltet hatte.

Während Joe Biden in seiner auf Hoffnung ausgerichteten Ansprache immer wieder die Heilung der Nation und den Willen zum Kompromiss in den staatlichen Institutionen zum Gegenstand machte, sorgten die Sender des stark rechtslastigen Spektrums dafür, dass von Bidens Intention bei ihrem Publikum möglichst wenig ankam. Entweder setzten sie in ihrer Kommentierung die jahrelangen Verfälschungen fort oder sie verweigerten sich von vornherein der Übertragung der Zeremonie. So wie zum Beispiel Trumps jüngster Lieblingssender One America News statt der Amtseinführung Joe Bidens eine lange „Dokumentation“ unter dem Titel „Trump: Legacy of a Patriot“ zeigte.

CNN-Zuschauerzahl steigt um 196 Prozent

Bei den sechs größten Fernsehnetworks sahen insgesamt knapp 40 Mio Zuschauer die Live-Übertragung von der Inaugurationsfeier, vier Prozent mehr als bei der Amtseinführung von Donald Trump im Jahr 2017. Interessant ist dabei die Verteilung des Publikums auf die einzelnen Networks. Nicht Rupert Murdochs Fox News Channel erreichte nämlich die höchste Sehbeteiligung, sondern CNN, wo zur Amtseinführung Bidens 9,9 Mio Zuschauer einschalteten, während es bei Fox News nur 2,74 Mio waren. Zwischen diesen beiden Extremen lagen die Networks ABC mit 7,66 Mio, NBC mit 6,89 Mio, MSNBC mit 6,53 Mio und CBS 6,07 Mio Zuschauern für die Live-Übertragung.

Fox News galt in den USA als einer der entscheidenden Wegbereiter Donald Trumps. Viele politische Analysten halten es für kaum wahrscheinlich, dass Trump ohne die beständige Unterstützung durch die Fox-News-Mannschaft, darunter Kommentatoren wie Tucker Carlson und Lou Dobbs, so rasch an Popularität gewonnen hätte. Dort war es, wo Trumps Verschwörungsansichten und später auch sein Vorwurf der Wahlfälschung ständig Rückhalt fanden.

Erst in den letzten Monaten vor der Präsidentenwahl begann sich das Blatt zu wenden. Je mehr von Trumps Gefolgschaft sich von Fox News den noch weiter rechts stehenden Medienorganisationen Newsmax, One America News, Breitbart und Parler zuwandte und je stärker die sozialen Medien eine Rolle spielten, umso erkennbarer verkleinerte sich die Anhängerschaft des Murdoch-Networks. Am 20. Januar erhielt es die Quittung: Im Vergleich zur Übertragung von Trumps Inaugurationsfeier im Jahr 2017 fiel bei der Biden-Zeremonie die Zuschauerzahl von Fox News um rund 77 Prozent, während die von CNN um über 196 Prozent anstieg. Man konnte es als die erste gute Nachricht für den neuen US-Präsidenten werten.

29.01.2021 – Ev/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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