USA: Crowdsourcing zu Krankheiten als Thema neuer Arztserien

10.10.2019 •

Arzt- und Krankenhausserien haben seit Jahrzehnten ein festes Zuhause auf dem Bildschirm. Versuche, sie anders und zeitgemäßer zu gestalten, hat es viele gegeben. Doch keine Variante des beim Publikum überaus beliebten Genres war bisher so radikal anders wie zwei Serien, die jüngst fast gleichzeitig in den USA gestartet wurden: Es handelt sich um „Chasing the Cure“ vom Kabelfernsehsender TNT und „Diagnosis“ vom Streaming-Anbieter Netflix. Beide Serien haben offensichtlich ihren Beweggrund in der aktuellen Diskussion über das amerikanische Gesundheitswesen, im wachsenden Misstrauen gegenüber dem Krankenhaussystem und den immer unerträglicher werdenden Kosten der ärztlichen Betreuung. Man muss nur im Internet nach den entsprechenden Schlagwörtern googeln, um das ganze Ausmaß der Beunruhigung kennenzulernen, das dieses Thema geradezu unausweichlich in die nach publikumswirksamen Themen suchenden Fernsehredaktionen katapultiert hat.

Unerklärbare Krankheiten, deren Heilung sich herkömmlicher Arztweisheit verschließt, stehen im Mittelpunkt der zwei Serien, die in Ton und Gestaltung verschieden, in ihrer Tendenz aber vergleichbar sind. Beide stützen sich auf den Gedanken, dass die Multiplikation von Erfahrungen und Meinungen dazu geeignet sein müsse, Auswege und Lösungen anzubieten, die das etablierte, auf einen oder wenige Mediziner beschränkte System nicht liefern kann.

Seit dem Jahr 2005 gibt es den Begriff „Crowdsourcing“, auch in der deutschen Sprache. Er leitet sich von den englischen Wörtern „Crowd“ und „Outsourcing“ her und was damit gemeint ist, lässt sich als „die Weisheit der Vielen“ umschreiben. Genau darum geht es in den beiden Serien: Es werden rätselhafte Krankheitsfälle dokumentarisch dargestellt, bei denen man durch deren Öffentlichmachung im Internet und in ebendiesen Serien Anregungen zur Heilung erwartet oder zumindest Reaktionen von ähnlich Erkrankten und deren Ärzten. „Ziel ist es, Daten zu demokratisieren“, so benennt Ann Curry, auf deren Anregung „Chasing the Cure“ (etwa: „Auf der Jagd nach Heilung“) zurückgeht. Curry wurde bekannt als Moderatorin des NBC-Morgenmagazins „Today“, das sie von 1997 bis 2012 präsentierte.

Ethische Fragwürdigkeit

In der Netflix-Serie „Diagnosis“ folgt Lisa Sanders, eine Internistin und Professorin an der Yale School of Medicine in New Haven, wechselnden Patienten oder deren Angehörigen bei der Suche nach Antworten. Crowdsourcing erscheint ihr dabei als ein legitimer Vorstoß zu den äußersten Grenzen der Diagnosetechnik. Die Reaktion auf beide Serien scheint ihr Recht zu geben. Auch wenn Netflix Auskünfte über Sehbeteiligungen grundsätzlich verweigert, gibt es doch Anhaltspunkte genug, dass die Sendungen ein breites Publikum finden. Die erste Folge von „Chasing the Cure“ lockte eine Million Zuschauer an. Mehr als 10.000 Menschen haben sich seitdem auf der Website der Serie registriert und wollen sich an der Lösung der dargestellten Krankheitsfälle beteiligen, unter ihnen zahlreiche Ärzte, Krankenschwestern, Apotheker und sogar ein paar Tierärzte.

Die Macher von „Chasing the Cure“ betonen, dass sie über ein Ethikteam verfügen, zu dem unter anderem ein Moralphilosoph, ein Psychologe, ein Sozialarbeiter und ein Anwalt gehören. Was nicht verhindert hat, dass die beiden Serien in den USA sehr kontrovers diskutiert werden. Obwohl sich durchaus erstaunliche Ergebnisse hinsichtlich der Nützlichkeit des Crowdsourcings zitieren lassen, bleibt doch unbeantwortet, ob die angebliche Weisheit der Menge die ethische Fragwürdigkeit, intime Krankheitsbilder in den Massenmedien auszubreiten, durch vereinzelte positive Konklusionen ausräumen kann.

10.10.2019 – Ev/MK