USA: Coronakrise löst Streaming‑Boom aus

31.05.2020 •

Es ist purer Zufall, dass die Coronavirus-Pandemie die Welt genau zu der Zeit befallen hat, in der es zur vermehrten Eröffnung neuer Streaming-Plattformen kam. Ausgehverbote und die Schließung von Kinos, Theatern und allen Massenveranstaltungen haben die Menschen auf Abstand gezwungen und dazu, den größten Teil der Zeit in ihren Wohnungen zu bleiben. Damit begann Anfang März in den USA, aber auch im Rest der Welt, ein problematischer Zustand, der jedem die gewohnte Bewegungsfreiheit, vielen die finanzielle Sicherheit und allen geliebte Vergnügen raubte. Etliche Wochen später und den allmählichen Abschottungslockerungen zum Trotz zeigen sich nun auch außerhalb der überbelegten Krankenhäuser die Folgen der Pandemie. Sie reichen von Angst über Frustration bis hin zu einer immer deutlicher spürbaren Vereinsamung.

Diese Folgeerscheinungen wenn schon nicht zu überwinden, dann aber doch zu erleichtern, helfen in hohem Maß die visuellen Medien. Dabei wird gerade jetzt das Angebot der Videostreaming-Plattformen, deren Inhalte sich explosionsartig vermehrt haben, von den Menschen in einer Mischung aus Verzweiflung und Neugier wahrgenommen. Das Marktforschungsunternehmen One Poll hat jüngst ermittelt, dass der durchschnittliche Amerikaner inzwischen vier Streaming-Plattformen nutzt, 38 Prozent nutzen sogar fünf und mehr Angebote.

Zeitweiser Verzicht auf Abo-Gebühr

Wie das Branchenblatt „Variety“ berichtet, hat sich in den USA die Gesamtnutzung des Videostreamings gegenüber dem vorigen Jahr mehr als verdoppelt. An der Spitze der sich immer noch weiter vermehrenden Anbieter steht Netflix mit bis zu 33 Prozent der gesamten Streaming-Minuten, gefolgt von YouTube (21 Prozent), Hulu (12 Prozent) und Amazon Prime Video (9 Prozent). Weltweit verzeichnet der Streaming-Riese Netflix jetzt 183 Mio Kunden, im ersten Quartal 2020 erzielte das Unternehmen einen Umsatz in Höhe von 5,77 Mrd Dollar. Während überall in der amerikanischen Wirtschaft Entlassungen an der Tagesordnung sind, nahm Netflix in der Krise 2000 zusätzliche Anstellungen vor, um den gestiegenen Bedarf zu decken.

Im Gegensatz zu Netflix und ein paar anderen Anbietern haben sich vor allem die Neulinge im Streaming-Bereich dazu entschlossen, auf kostenpflichtige Abonnements für eine begrenzte Zeit ganz zu verzichten. Das nach Unterhaltung lechzende Publikum kann deshalb bis auf Weiteres ohne Konsequenzen für sein Portemonnaie die neuen Angebote nutzen. Wie sich nicht überraschend herausstellt, macht es davon reichlich Gebrauch. Auch sonst eher im Hintergrund stehende kostenfreie Internet-Angebote wie beispielsweise das zum Viacom/CBS-Konzern gehörende Pluto TV konnten sich in diesem Umfeld deutlich profilieren. Das Unternehmen streamt über 50.000 Stunden Material in 13 Angebotskategorien, die von Filmen und Nachrichten bis zu Lifestyle- und Kindersendungen reichen. Im März bot Pluto TV einen Kanal, der rund um die Uhr James-Bond-Filme zeigte, und brach damit für seine Verhältnisse Abrufrekorde.

Was bleibt unter normalen Verhältnissen?

Die Frage, die nun alle Beobachter der amerikanischen Medienszene beschäftigt, ist inzwischen aber die nach der Zukunft dieses Streaming-Booms. Wie wird es einmal weitergehen, wenn die Coronakrise zu Ende ist? Es ist kaum vorstellbar, dass sich der Höhenflug so vieler Streaming-Konkurrenten dann im bisherigen Maß fortsetzen wird. Erste Zeichen weisen heute bereits darauf hin, was dann passieren könnte. Umfragen haben ergeben, dass etwa die Hälfte aller neuen Kunden ihr kostenloses Abonnement schon nach dem Ende der Sendung oder der Serie, die sie zum Zugriff motiviert hat, direkt wieder kündigt. Außerdem macht sich eine Unsitte breit, die ebenfalls ein rasches Ende des Booms zur Folge haben könnte: 42 Prozent der für die One-Poll-Studie Befragten gaben zu, das Passwort für ein gewünschtes Streaming-Angebot von einem Abonnenten unrechtmäßig „entliehen“ zu haben.

Angesichts der vielen deprimierenden Nachrichten in Zusammenhang mit der Coronakrise ist es verständlich, dass jeder von fleißigen Marktforschern ermittelte Aufwärtstrend im Mediensektor überall mit Begeisterung aufgenommen wird. Doch so wie die Mediziner davor warnen, voreilige Schlüsse zu ziehen, machen sich auch unter den Verantwortlichen in der Medienindustrie allmählich zu Vorsicht und Zurückhaltung neigende Stimmen breit. Nicht alles, was angesichts der steigenden Nutzerzahlen eine rosige Zukunft für die zahlreichen Streaming-Plattformen verheißt, muss sich auch bewahrheiten, wenn erst einmal normale Verhältnisse zurückgekehrt sind. Auch wenn es noch eine Weile dauern kann, bis es soweit ist.

31.05.2020 – Ev/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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