USA: Corona, die Networks und ihre überholte Serien‑Politik

11.07.2020 •

Niemand wundert sich mehr, dass zu Coronazeiten alles drunter und drüber geht. Wie könnten da die Fernsehnetworks und deren Produzenten eine Ausnahme machen? Schon seit Beginn der Viruskrise rechnen in den USA Branchenexperten damit, dass nicht nur die nächsten Monate problematisch werden, sondern dass auch die für das Publikum noch einigermaßen weit entfernte Fernsehsaison 2020/21, die im Lauf des Herbsts beginnen soll, unter den Auswirkungen der Pandemie zu leiden haben werden. Inzwischen zeigt sich für den amerikanischen Markt das Ausmaß der zu erwartenden Veränderungen in aller Deutlichkeit.

Die fünf Broadcast-Networks ABC, CBS, NBC, Fox und CW müssten sich unter normalen Verhältnissen längst anhand von Pilotfilmen für die in Auftrag zu gebenden Serien der kommenden Saison entschieden haben. Doch angesichts geschlossener Produktionsstudios hat es kaum Pilotfilme gegeben, weshalb die Verantwortlichen der Networks etwas tun mussten, das ihnen zutiefst zuwider ist: Sie haben komplette Serien für die Saison 2020/21 in Auftrag gegeben, ohne ausreichende Muster zu sehen und im täglichen Sendebetrieb erproben zu können.

Dass sie dabei vorsichtig zu Werke gehen, ist verständlich. Immerhin geben Konzepte und die Namen der Beteiligten an den Serien nur einen vagen Anhalt dafür, wie das quasi ins Blaue zu produzierende Produkt (falls es denn überhaupt hergestellt werden kann) einmal aussehen wird. Solche Risiken mögen in der Filmproduktion zum Alltag gehören, die amerikanischen Broadcast-Networks sind daran jedoch nicht gewöhnt. Kein Wunder also, dass der Umfang der inzwischen erfolgten Serien-Aufträge für die nächste Saison einen deutlichen Rückschlag erlitten hat.

Nur kümmerliche 15 neue Serien

Im Jahr 2015 hatten die Broadcast-Networks insgesamt 49 neue Serien in Auftrag gegeben. Schon im vergangenen Jahr war die Anzahl auf 36 herabgesunken, wozu nicht zuletzt die Veränderungen der Marktverhältnisse durch die wachsende Popularität des Videostreamings und die dadurch ausgelöste Tendenz zu immer weiter variierten Erfolgsformaten beigetragen hatten. Für die Saison 2020/21 wurden jetzt aber nur kümmerliche 15 Serien bestellt – im Vergleich zum vergangenen Jahr ein Rückgang um 58 Prozent. NBC gab statt neun diesmal lediglich drei neue Serien in Auftrag, CBS ebenfalls drei statt acht, ABC zwei statt sechs und Fox sogar nur drei statt zehn. Nur CW, das kleinste der Broadcast-Networks, bestellte eine Serie mehr als im Vorjahr, nämlich insgesamt vier statt drei.

Dass es so nicht bleiben kann, ist wohl allen Beteiligten klar. Langjährige Beobachter der amerikanischen TV-Szene halten es für am wahrscheinlichsten, dass das nun schon viele Jahrzehnte alte Verfahren, das Abendprogramm der Broadcast-Networks für jeweils ein ganzes Jahr im Voraus festzulegen, bald der Vergangenheit angehören wird. Schon seit ein paar Jahren experimentieren die Networks – mit unterschiedlichem Erfolg – damit, neue Serien nicht nur im Herbst, sondern das ganze Jahr über zu starten. Vor allem der Januar hat sich als ein populäres zweites Startdatum etabliert, aber inzwischen werden auch zu anderen Zeiten enttäuschende Programmangebote ausgetauscht. Die Coronakrise könnte sich bei diesem Prozess als ungebetener Beschleuniger erweisen, denn sie hat die bestehende Problematik einer überholten Programmpolitik der Networks nicht nur umso deutlicher gemacht, sondern die Notwendigkeit einer Reform noch verschärft.

11.07.2020 – Ev/MK