USA: Broadcast-Networks ändern ihre Auftragspraxis

03.03.2020 •

Seit Jahrzehnten klammern sich die US-amerikanischen Broadcast-Networks an eine Tradition: Sie präsentieren dem Publikum ihre neuen Serien stets Ende September jeden Jahres in werbemäßig lange vorbereiteten Massenstarts. Alles Neue kommt also zur gleichen Zeit. Dem Publikum in den USA ist dieser Beginn jeweils der neuen TV-Saison denn auch zur Gewohnheit geworden. Dann testen die Networks außerdem im Frühjahr die zu erwartende Akzeptanz neuer Serien mit Hilfe von Pilotfilmen, die erfahrungsgemäß meist besser sind als die dann folgenden Serien. Um der durch das Kabelfernsehen entstandenen Konkurrenz entgegenzutreten, haben die Networks so schon seit ein paar Jahren eine Art zweite Saison eingerichtet, die der Abwanderung des Publikums zu anderen Sendeangeboten entgegenwirken soll.

Diese ausgeklügelte und lange Zeit gut funktionierende Programmplanung ist durch die wachsende Präsenz von immer mehr Streaming-Angeboten und die bedrohliche Abwanderung großer Teile des Publikums ins Wanken geraten. Die Networks versuchen hierauf durch Veränderungen hier und da zu reagieren, was jedoch bei den Zuschauern eher zu noch mehr Unklarheit über die Programmstrukturen führt. Nun, da die Zahl der Streaming-Anbieter mit Disney plus und Apple TV plus weiter gestiegen ist und bald auch noch HBO Max und Peacock hinzukommen, fühlen sich die Broadcast-Networks offenbar gefordert, ihre bisherige Programmpolitik rigoroser umzukrempeln, um den fortschreitenden Zuschauerverlusten entgegenzuwirken. Zum ersten Mal zeigt sich in diesem Jahr, dass die Sender offenbar gewillt sind, ihr bisheriges Schema ganz aufzugeben und neue Serien das ganze Jahr hindurch bei den Produzenten in Auftrag zu geben und im Programm zu etablieren.

Die Uniformität der Serien

Eine Nebenwirkung dieser Tendenz zeigt sich bei den sogenannten „Pilot Orders“, der Beauftragung von Pilotfilmen für die Zeit der traditionellen Seriensaison. Die Zahl der dafür bestellten Projekte ist bereits im vorigen Jahrzehnt kontinuierlich zurückgegangen, hat aber in diesem Jahr einen signifikanten Tiefpunkt erreicht: Gegenüber 98 Produktionsaufträgen noch im Jahr 2013 wurden von den fünf Broadcast-Networks ABC, CBS, NBC, Fox und CW bisher für 2020 nur noch 53 erteilt. Da die Beauftragung als so gut wie abgeschlossen gilt, rechnet die Branche nicht damit, dass sich diese Zahl noch wesentlich erhöhen wird. Verdoppelt hat sich hingegen im Vergleich zum Vorjahr die Anzahl von Aufträgen, die sofort für ganze Serien statt zunächst nur für Pilotfilme erteilt wurden, was ebenfalls eine Reaktion auf die Praxis der Streaming-Anbieter ist.

Worüber diese Zahlen nichts aussagen, ist die Notwendigkeit eines Umdenkens der Broadcast-Networks, was die Inhalte ihrer Serien betrifft. Dass so viele Zuschauer den Networks den Rücken zukehren und sich den Streaming-Plattformen zuwenden, hat nicht zuletzt auch einiges mit der Uniformität zahlreicher Network-Serien zu tun, die sich über Jahre und Jahrzehnte an alte Konzepte klammern und zu wenig Mut zum Neuen und Unkonventionellen zeigen. Die Strategie, längst zum Klischee geronnene Serien wie „CSI“, „NCIS“ und „Law and Order“ endlos ins Programm zu nehmen, wird trotz deren heute noch anhaltendem Publikumserfolg durch die stärker diversifizierten Angebote der Streaming-Anbieter langfristig in Frage gestellt. Statt immer wieder neue Ableger ihrer Dauerbrenner zu kreieren und mit ihnen ganze Abende zu füllen, müssten die Broadcast-Networks über inhaltliche Varianten nachdenken, wie es einige Kabelsender schon seit Jahren tun und wie es ihnen Streaming-Anbieter wie Netflix und Hulu vormachen.

03.03.2020 – Ev/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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