USA: Amazon kauft für 8,45 Mrd Dollar das Filmstudio MGM

04.06.2021 •

Man kann die Entwicklung der US-amerikanischen Medienlandschaft aus verschiedenen Perspektiven sehen: als Ausverkauf einer historisch gewachsenen Kunstform oder als unvermeidliche Verknüpfung immer mächtiger werdender Technologie-Unternehmen mit der klassischen Unterhaltungsindustrie. Dass die Giganten der Technik dabei den Ton angeben, wundert längst keinen mehr. So wird wohl auch die gerade bekannt gewordene Nachricht, dass der Online-Händler Amazon das ehrwürdige, wenn auch in jüngster Zeit etwas aufs Abstellgleis geratene Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) kaufen will, nicht mehr mit Erstaunen quittiert. Fusionen dieser Art gehören inzwischen nachgerade zur Tagesordnung.

Überraschung hat allenfalls ausgelöst, dass Amazon-Chef Jeff Bezos für das Filmstudio 8,45 Mrd Dollar zu zahlen bereit ist. Andere Kaufinteressenten wie Apple und Comcast schätzten den Wert des Studios um fast die Hälfte geringer ein. Außerdem hat Amazon sich darauf eingelassen, dass der Konzern an den James-Bond-Filmen, dem wertvollsten Bestandteil des MGM-Deals, nur einen Anteil von 50 Prozent erhält. Die anderen 50 Prozent halten weiterhin Barbara Broccoli und ihr Halbbruder Michael G. Wilson. Die beiden James-Bond-Produzenten wollten, so hieß es, ihre kreative Kontrolle behalten und damit die Möglichkeit, auch bei künftigen Entscheidungsprozessen mitwirken zu können.

„Das Ende des Hollywood-Zeitalters“

Nun muss man allerdings berücksichtigen, dass die Verkäufe und Machtverschiebungen der letzten Zeit nicht mehr viel von den klassischen Hollywood-Unternehmen übriggelassen haben. Die Produkte von Warner Bros., Walt Disney und Paramount sind exklusiv bei den jeweils dazugehörigen Streaming-Diensten HBO Max, Disney plus und Paramount plus gelandet und die Film- und TV-Produktionen von Sony befinden sich bei Netflix und Walt Disney in festen Händen. Die noch verfügbaren kleineren Studios werden diesem Trend mit großer Sicherheit folgen.

Immerhin verfügt MGM, das Studio mit dem berühmen Löwen-Logo, noch über rund 4000 ältere Filme, zu denen auch Produktionen von United Artists und Orion gehören, und über insgesamt 17.000 Serien-Episoden. Zu den Filmen zählen Blockbuster wie „Rocky“, „Robo‑Cop“, „The Pink Panther“, „Moonstruck“, „Das Schweigen der Lämmer“ und Klassiker wie „Ben Hur“. Unter den Serien befinden sich Produktionen wie „Fargo“, „Vikings“ oder „The Handmaid’s Tale“. Wenn man dann in Betracht zieht, dass Amazon für die Rechte an Filmen wie „Borat Subsequent Moviefilm“ und „The Tomorrow War“, um sie in seinem Streaming-Angebot Prime Video zu zeigen, unlängst zwischen je 80 Mio und 200 Mio Dollar gezahlt hat, dann legt sich das Erstaunen über den MGM-Preis.

Was ist die Folge dieser Entwicklung für das interessierte Publikum? Die Kronjuwelen Hollywoods – gleichgültig, ob alt oder neu – werden künftig nach einem kurzen Pro-Forma-Start auf der großen Leinwand in die Streaming-Angebote abwandern und die Welt des Kinos und des Fernsehens grundlegend verändern. Und – wessen sich der Durchschnittszuschauer kaum bewusst sein dürfte – es werden die Mächtigen des „Big Tech“ mehr Einfluss auf die Unterhaltungslandschaft gewinnen als noch vor wenigen Jahren absehbar war. Kein Wunder, dass die „New York Times“ angesichts des neuen Amazon-Deals davon spricht, der Verkauf von MGM an den Online-Konzern sei „das ultimative Symbol für das Ende des Hollywood-Zeitalters und der Beginn einer anderen Ära“.

04.06.2021 – Ev/MK

Print-Ausgabe 19-20/2021

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