Schweiz: SRF verordnet sich tiefgreifenden Umbau

21.12.2020 •

Das deutschsprachige Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat sich einen tiefgreifenden Umbau verordnet. Mit seinem Transformationsprojekt „SRF 2024“ will die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt nach eigenen Angaben „die Weichen für die digitale Zukunft stellen“. Das Projekt gilt als eines der ehrgeizigsten Vorhaben in der fast 90-jährigen Geschichte des Rundfunks in der Schweiz. 1931 wurde die öffentlich-rechtliche Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) für die vier Schweizer Landesteile gegründet, die deutschsprachige Schweiz, die rätoromanische Region, die französischsprachige Romandie und das italienischsprachige Tessin, so dass alle vier Sprachen im Senderverbund vertreten sind.

Bereits vor einem Jahr, im November 2019, hatte SRG-Generaldirektor Gilles Marchand in Bern mit Blick auf den bevorstehenden Umbau eine strategische Erwartung definiert. In den nächsten Jahren werde sich bei der Nutzung der elektronischen Medien in der Schweiz ein Verhältnis von 50 Prozent für Radio und Fernsehen und 50 Prozent für die Internet-Plattformen herausbilden. Dem müsse das Unternehmen SRG mit seinen vier Einheiten Rechnung tragen. Dabei solle das SRF, die größte Einheit, vorangehen. Die weiteren Einheiten der SRG sind Radio Télévision Suisse (RTS, Romandie), Radiotelevisione Svizerra (RSI, Tessin) und Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR, rätoromanische Region). Am 7. November ging die neue SRG-Streaming-Plattform „Play Suisse“ in Betrieb. Sie will „das Beste an Eigen- und Koproduktionen der SRG-Unternehmenseinheiten SRF, RTS, RSI und RTR“ anbieten. Dazu gehören zunächst 1000 Beiträge in den Original-Landessprachen, mit Untertiteln in den anderen Landessprachen, darunter auch Deutsch.

Motto „digital first“ soll verankert werden

Am 20. August hatte die SRF-Direktorin und stellvertretende SRG-Generaldirektorin Nathalie Wappler in Zürich das „Transformationsprojekt SRF 2024“ vorgestellt und erläutert. „Wir wollen unsere Nutzerinnen und Nutzer besser erreichen – insbesondere die jüngeren“, sagte sie: „Wir konzentrieren uns noch klarer auf unseren Service-public-Auftrag. Wir stärken den Investigativ-Journalismus. Und wir stärken generell die Information über digitale Kanäle.“ Bei alldem müsse für die Produktionen das Motto „digital first“ verankert werden. Als zentraler Schritt wird ab dem 1. April 2021 ein neues Betriebsmodell mit den zwei neuen Abteilungen ‘Audience’ und ‘Distribution’ eingeführt. Die zwei bisherigen Abteilungen ‘Digital’ und ‘Programme’ werden dann aufgelöst.

Ab 2021 soll es auch zu Angebotsveränderungen kommen. Was den Informationsbereich angeht, soll die SRF-News-App mit Fokus auf Audio- und Videoinhalte und auf Hintergrundberichte weiterentwickelt werden. Dabei soll das Radioprogramm SRF 4 News als Informations-Audiostream integriert werden. Das SRF will ab 2021/22 auch seine Präsenz auf Drittplattformen (YouTube, Instagram) mit drei neuen Musikkanälen und einer digitalen Wissensplattform verstärken. Das Sportangebot soll sich künftig ebenfalls stärker auf die digitalen Kanäle und das jüngere Publikum ausrichten. Für das Publikum unter 45 Jahren wird es außerdem neue fiktionale Serien und eine neue Talentshow geben. Im Audiobereich soll das Podcast-Angebot gestärkt werden.

2021/22: Einsparungen in Höhe von 73 Mio Euro

Die neuen digitalen Initiativen seien nur durch „Verzichte im linearen Angebot“ möglich, erklärte Nathalie Wappler. Zu dem, worauf das SRF ab 2021 verzichten wird, gehören Sendungen wie „Viva Volksmusik“ und „Einstein Spezial“, das Wirtschaftsmagazin „Eco“ und die Übertragung externer Veranstaltungen wie „Art on Ice“. Im Radiobereich soll es Reduktionen bei Jazz- und Klassik-Musikproduktionen wie auch bei Literatur- und Religions­sendungen geben. „Deutlich reduziert“ werden soll auch der Einkauf von internationalen Produktionen (Filmen, Serien, Dokumentationen). In der Fiktion will sich das SRF auf europäische Produktionen, Schweizer Serien und die Beteiligung an der Krimi-Reihe „Tatort“ konzentrieren.

Am 6. Oktober informierte Nathalie Wappler über weitere Schritte von „SRG 2024“ und in diesem Zusammenhang über Sparvorgaben für die nächsten zwei Jahre. Für das SRF ergäbe sich für 2021 und 2022 ein Einsparbetrag von insgesamt 68 Mio Schweizer Franken (73 Mio Euro). 37 Mio Franken (40 Mio Euro) davon könnten „dank neuer Technologien durch die Anpassung der Produktionsstandards sowie der Organisation erzielt werden“, so Wappler, und 31 Mio Franken (33 Mio Euro) seien durch „Einsparungen im bestehenden Angebot“ zu erreichen. Die Zahl der Vollzeitstellen beim SRF soll von gegenwärtig 2292 auf 2176 im Jahr 2022 reduziert werden. Dabei werden 211 Stellen abgebaut und 95 neu geschaffen. Zudem sollen noch weitere Sendungen gestrichen werden.

21.12.2020 – Mathias Ebert/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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