Großbritannien: Welche Entwicklung nimmt die BBC unter ihrer neuen Führung?

03.11.2020 •

Wohin die künftige Entwicklung der BBC geht, bleibt umstritten. Am 1. Oktober sprach sich der ‘Ausschuss für Digitales, Kultur, Medien und Sport’ des britischen Unterhauses für einen „fairen und transparenten Prozess“ bei der Ernennung von neuen Verantwortlichen im Rundfunkbereich aus. In Großbritannien hatte zuvor ein Bericht der konservativen Zeitung „Sunday Times“ für Unruhe gesorgt. Das Blatt gehört dem US-amerikanischen Medienmogul Rupert Murdoch, der die Regierung des britischen Premierministers Boris Johnson unter­stützt.

Dem Zeitungsbericht zufolge plant Johnson folgende zwei Personalentscheidungen: Er will Paul Dacre, den früheren langjährigen Chefredakteur (1992 bis 2018) der konservativen Tageszeitung „Daily Mail“, zum Vorsitzenden der Medienaufsichtsbehörde Ofcom berufen lassen und Charles Moore, ein ehemaliger Chefredakteur der ebenfalls konservativen Zeitung „Daily Telegraph“, soll neuer Vorsitzender der BBC werden. Dacre und Moore gelten als Freunde der regierenden Konservativen Partei von Premierminister Johnson und sind wie dieser Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Unparteilichkeit als Top-Priorität

„Wir können keinen fairen Prozess haben, wenn er durch politischen Aktionismus untergraben wird“, erklärte als Reaktion auf den Zeitungsbericht Julian Knight von der Konservativen Partei, der im Parlament Vorsitzender des ‘Ausschusses für Digitales, Kultur, Medien und Sport’ ist. Kabinettsmitglieder sollten sich dabei öffentlicher Spekulationen enthalten, so Knight weiter, die beiden Ämter bei der Ofcom und der BBC spielten eine „kritische Rolle in der sich schnell verändernden Medienlandschaft“. Dem Unterhausausschuss gehören elf Mitglieder an. Davon sind sechs Mitglieder der regierenden Konservativen und vier Mitglieder von der oppositionellen Labour-Partei sowie ein Mitglied der schottischen Nationalpartei SNP.

Der Unterhausausschuss beschäftigt sich seit März 2020 mit der Zukunft des öffentlichen Rundfunks im Vereinigten Königreich. Dazu gehören neben der öffentlich-rechtlichen BBC auch die ebenfalls landesweit tätigen Rundfunkveranstalter ITV, Channel 4 und Channel 5 wie auch die regionalen Veranstalter STV (Schottland), S4C (Wales) und UTV (Nordirland).

Am 29. September waren der neue BBC-Generaldirektor Tim Davie und der im Februar 2021 aus dem Amt scheidende derzeitige BBC-Vorsitzende David Clementi zu Gast im ‘Ausschuss für Digitales, Kultur, Medien und Sport’. Davie, seit dem 1. September als Nachfolger von Tony Hall im Amt (vgl. MK-Meldung), kündigte dabei unter anderem neue Richtlinien für BBC-Mitarbeiter in sozialen Medien an. Bei groben Verstößen gegen die Richtlinien für Unparteilichkeit könnten Star-Moderatoren auch entlassen werden, sagte der 53-jährige Davie vor dem Ausschuss.

Tim Davie und das Selbstbewusstsein

Bereits bei seiner Antrittsrede am 3. September im walisischen Cardiff hatte Davie „die Erneuerung unserer Verpflichtung zur Unparteilichkeit“ als Top-Priorität seiner Amtszeit genannt. Unparteilichkeit sei „der Kern dessen, was wir sind“ und sie sei auch in polarisierten Zeiten zu erreichen. Es gehe nicht einfach um Links oder Rechts, so Davie, es gehe eher darum, ob „die Menschen fühlen, dass wir die Welt von ihrem Standpunkt aus sehen. Unsere Forschung zeigt, dass zu viele uns wahrnehmen, als ob wir von einer besonderen Perspektive geprägt sind.“ Ende August hatte der „Daily Telegraph“ berichtet, Davie habe BBC-Comedians gewarnt, sie sollten sich nicht zu einseitig und unfair über die konservative britische Regierung und deren Vorgehen in Sachen Brexit/EU-Austritt lustig machen. Das wiederum kann man als Äußerung bezeichnen, die nicht gerade für einen selbstbewussten öffentlich-rechtlichen Rundfunk spricht.

In seiner Rede in Cardiff sprach sich Tom Davie dafür aus, dass die Rundfunkgebühr in Groß­britannien auch über 2027 hinaus als „beste Finanzierungsart für die BBC“ erhalten bleiben müsse. Eine Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch Abonnementeinnahmen, wie sie von konservativen Politikern gefordert wird, lehnte er ab. Die BBC sehe sich jedoch angesichts der gegenwärtigen Situation und Stimmung mit einem „beträchtlichen Risiko“ konfrontiert (vgl. hierzu diesen MK-Artikel) und habe „kein unveräußerliches Existenzrecht“, räumte er ein.

Davie schloss die Einstellung von Fernseh- und Radioprogrammen für die nächste Zeit aus. Allerdings werde er nicht zögern, Programme zu beenden, wenn sie keinen Wert mehr für die Nutzer erbrächten. Im Mittelpunkt sollten bei der BBC einzigartige Inhalte hoher Qualität stehen, betonte Davie. Er wolle aber auch eine BBC, die mit weniger Aufwand mehr Wirkung erziele. In Cardiff kündigte er an, dass Mitarbeiter entlassen werden müssten, „um eine einfachere, schlankere Organisation“ zu erreichen. Es gebe „noch zu viel Bürokratie“ bei der BBC. Eines seiner Ziele sei auch, dass die Rundfunkanstalt künftig aus ihren Online-Angeboten zusätzliche Einnahmen erziele, sagte der neue BBC-Generaldirektor.

03.11.2020 – me/MK

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