Großbritannien: Start des Nachrichtenkanals GB News

19.07.2021 •

Immerhin einen Erfolg konnte der am 13. Juni gestartete neue britische Nachrichtenkanal GB News am Tag danach dann doch vermelden: Gemessen an der Quote hatte er den BBC News Channel und Sky News, den frei empfangbaren Nachrichtenkanal des Pay-TV-Netzwerks Sky, auf die Plätze verwiesen. Da allerdings auch in Großbritannien das Publikum für Nachrichtenkanäle eher überschaubar ist, fiel dieser Spartenprogrammtagessieg mit 1,1 Marktanteilsprozenten gegenüber 0,9 für die BBC und 0,4 für Sky übersichtlich aus.

Dennoch hat GB News das Zeug dazu, die britische Fernsehlandschaft nachhaltig zu verändern. Nicht durch die eigene Programmleistung, die gemessen am Namen eigentlich eine Mogelpackung ist und bislang vor allem durch technische Probleme auffällt. Denn einen „rolling news service“, also den von einem News-Channel eigentlich erwartbaren Nachrichtenfluss, gibt es bei GB News gar nicht. Vielmehr lösen sich im höchst übersichtlichen Programmschema die aus dem britischen Fernsehen bekannten Politik-Talks und Analyse-Shows ab. Wobei es immer wieder Tonprobleme bei den – nicht nur pandemiebedingt – zugeschalteten Gästen gibt.

„Free Speech Nation“

Trotzdem nehmen die anderen Medien, allen voran die öffentlich-rechtliche BBC, den neuen Privatsender sehr ernst. Schließlich ist GB News explizit als populistische Alternative zu den „Mainstream“-Medien im Vereinigten Königreich – und im Fernsehen heißt das vor allem die BBC – gestartet. Man wolle „den marginalisierten und ignorierten Stimmen in Großbritannien Gehör verschaffen“, lautete die von GB News verkündete Botschaft am ersten Sendetag. Demonstrativ hat man denn auch ein Format zum Beispiel „Free Speech Nation“ benannt (Moderator: Andrew Doyle).

Und Dan Wootton, der allabendlich in seiner Sendung „Tonight Live“ ab 21.00 Uhr eine Drei-Stunden-Strecke als Mischung aus Expertengespräch, Einzelinterviews und Polit-Talk absolviert, macht aus dem Fehlen echter Nachrichten noch eine ganz andere Tugend. Um 22.00 Uhr laufen bei BBC und ITV die den deutschen Nachrichtenmagazinen „Tagesthemen“ (ARD) und „Heute-Journal“ (ZDF) vergleichbaren Sendungen „News at Ten“ bzw. „Ten o’clock News“. Wootton, ehemals Mitglied der Chefredaktion beim konservativen Boulevardblatt „Sun“, verkündet dagegen dem „Tonight-Live“-Publikum: „22.00 Uhr – die Zeit, wo andere Kanäle Ihnen sagen, was Sie denken sollen. Aber hier haben Sie die Möglichkeit, einige der einflussreichsten Nachrichtenjournalisten des Landes selbst zu befragen.“

Wer genau das sein soll, bleibt allerdings im Unklaren. Am 28. Juni etwa, dem Tag, an dem Gesundheitsminister Mat Hancock über seine Beziehung zu einer Mitarbeiterin und einer den Corona-Regeln nicht entsprechenden Umarmung stolperte, saß da plötzlich Petronella Wyatt. Ihre Qualifizierung zur einflussreichen Nachrichtenjournalistin ist ihre Affäre mit dem heutigen britischen Premierminister Boris Johnson Anfang der 2000er Jahre, die Johnson beinahe den Kopf gekostet hatte.

Die BBC hat gehörigen Respekt

Die Agenda von GB News ist klar „anti woke“, also gegen all das gerichtet, was entsprechende Kräfte in Deutschland gern als „Gutmenschentum“ verunglimpfen. Fox News, Rupert Murdochs erfolgreicher US-amerikanischer TV-Kanal, fungiert hier als Blaupause. Das Programm von GB News sei „schlecht produziert und chaotisch“, aber den neuen Sender „zu unterschätzen, wäre heimtückisch“, schrieb die liberale Tageszeitung „The Guardian“. Denn Boris Johnson und seine Berater haben der BBC den Krieg erklärt (vgl. diesen MK-Artikel) und mehrfach durchblicken lassen, dass sie sich als Alternative genau solch einen Sender wie GB News wünschen.

Dass die BBC vor dem bisherigen TV-Zwerg gehörigen Respekt hat, liegt also auf der Hand. Zumal das Zentrum von GB News Andrew Neil heißt. Neil ist zum einen der wichtigste Anchorman des Senders mit einer eigenen Sendung zur Primetime ab 20.00 Uhr, aber gleichzeitig auch Chairman der GB-News-Betreibergesellschaft mit dem fast selbstironischen Namen ‘All Perspectives Ltd.’ Außerdem war Neil bis 2020 einer der erfolgreichsten und gleichzeitig umstrittensten politischen Moderatoren der BBC. „Wir sind stolz darauf, britisch zu sein – der Clou ist unser Name“, sagte der Brexit-Befürworter bei seiner Ansprache am ersten Sendetag. Dass Neils Hauptwohnsitz in Frankreich liegt, zeigt deutlich, dass hier die gleiche Strategie wie bei den Populisten Donald Trump und Boris Johnson gefahren wird.

Kaum eigenständiger Journalismus

Andrew Neil und andere Führungskräfte von GB News dementieren zwar offiziell jegliche Ähnlichkeit mit dem US-Pendant Fox News und pochen vielmehr auf „unabhängigen, unparteiischen Journalismus“, der die Auflagen der britischen Medienaufsichtsbehörde Ofcom in Sachen Ausgewogenheit jederzeit erfüllen werde. Doch Zweifel sind angebracht, da der britische Sender zumindest bislang kaum eigenständigen Journalismus im Sinne von klassischer Recherche und Berichterstattung liefert, sondern in erster Linie Meinung macht.

Dabei profitiert GB News klar vom neuen britischen bzw. hauptsächlich englischen Nationalismus, der sich in den fünf Jahren vom EU-Referendum 2016 bis zum tatsächlichen Inkrafttreten der Brexit-Regularien Anfang 2021 entwickelt hat. „Wenn sich nur ein Bruchteil der 17,4 Millionen Menschen, die für den EU-Austritt gestimmt haben, in den GB-News-Marktanteilen niederschlägt“, könne das Projekt funktionieren, schrieb die eigener Befangenheit gänzlich unverdächtige Tageszeitung „Irish Independent“ aus Dublin: „Für einige der Stimmen, die sich bisher verloren gefühlt haben, verkörpert Andrew Neil diesen chauvinistischen Geist. Für andere ist Neil ein aufgebläht-rechthaberischer News-Dinosaurier, der noch einmal den Mond anknurrt, bevor ihn Gevatter Tod abholt“, so das Blatt über den 72-Jährigen.

Noch ist es allerdings viel zu früh, um zu beurteilen, ob die momentan für einen Spartenkanal guten Quoten nachhaltig sind oder nur die Neugier auf einen Neuling widerspiegeln, die bald wieder nachlässt. Hinter GB News stehen als Investoren das zu John Malones Konzern Liberty Media gehörende, global agierende US-Medienunternehmen Discovery, der Investmentfonds Legatum aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und der britische Hedgefonds-Manager Paul Marshall. Das Finanzierungskonzept für den Sender beruht auf klassischer TV-Werbung. GB-News-Vorstandschef Angelos Frangopoulos kann hier aus seiner Vergangenheit große Erfolge vorweisen. Er war bis 2018 Geschäftsführer von Sky News Australia – damals Teil des Medienreichs von Rupert Murdoch – und machte aus dem ‘Unter-ferner-liefen’-Kanal einen nationalen Player.

Gekündigte Werbeverträge

Doch in Sachen Werbung folgte schon in der zweiten Sendewoche ein herber Rückschlag: Nach Kampagnen von GB-News-Gegnern in den sozialen Medien kündigten der schwedische Möbelgigant Ikea, der niederländische Bierkonzern Grolsch, der Ökostrom-Anbieter Octopus Energy und diverse andere Unternehmen ihre Werbeverträge mit dem neuen Kanal. „Wir werben nicht in Medien, deren hauptsächliche Funktion die Verbreitung von Hass ist“, so Octopus-Energy-Gründer Greg Jackson. Man prüfe jetzt das Programm von GB News und werde dann über eine mögliche weitere Werbeschaltung entscheiden.

Andere namhafte Firmen wie Nivea (Beiersdorf) oder die schwedische Brauereigruppe Kopparberg gaben an, ihre Werbung sei bei GB News „ohne unser Wissen und unsere Zustimmung“ ausgestrahlt worden, sondern sie sei wahrscheinlich pauschal über die algorithmisierten Kampagnentools von Mediaplanungsagenturen gebucht worden. Auch die renommierte Fernuniversität und Bildungseinrichtung Open University erklärte, man habe weder Werbung bei GB News geplant noch gekauft und untersuche derzeit, wie die Open-University-Spots dort hingeraten seien.

GB-News-Chairman Neil reagierte auf seine ganz eigene Art auf die Botschaft des Marktes. „Schauen Sie sich unsere Inhalte an. Sie werden keinen Hass finden“, twitterte er als Antwort auf Greg Jacksons Statement: „Lassen Sie mich wissen, ob Sie bei uns werben wollen. Und ich lasse Sie wissen, ob wir Ihre Werbung überhaupt haben wollen – oder ob wir einen Boykott gegen Sie organisieren.“ Das zeugt zwar von bemerkenswerter Chuzpe. Ob der Markt solche beleidigte Arroganz jedoch toleriert, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

Kein Fox-News-Ableger

Dass im Marktsegment ‘populistische TV-Nachrichten und Kommentare’ prinzipiell Potenzial steckt, weiß dabei niemand besser als Rupert Murdoch. Der letzte große Medienmogul betreibt mit Fox News das zeitweilig lukrativste Network der USA und wollte ursprünglich mit einem eigenen Fox-Klon in Großbritannien antreten. Die Lizenz war schon erteilt, doch Ende April dieses Jahres blies Murdoch aus finanziellen Gründen zum Rückzug. Den verkündete seine Statthalterin in London, Rebekah Brooks, Vorstandschefin von Murdochs britischer Holding News UK. Früher war Brooks Chefredakteurin der Tageszeitungen „The Sun“ und „News of the World“.

„Es gibt zwar eine klare Nachfrage für einen alternativen Nachrichtenkanal“, erklärte Rebekah Brooks, doch die Kosten für einen traditionellen Nachrichtenkanal mit „rolling news“ seien beträchtlich. Deshalb gibt es nun keinen Fox-News-Ableger in Großbritannien. Angesichts der gegenwärtigen Marktlage, erklärte Brooks, wäre „der Ertrag für unsere Aktionäre nicht ausreichend“. Auch diese Zeichen der Zeit hat GB News erkannt, verzichtet daher größtenteils auf News und setzt umso deutlicher auf populistische Meinungsmache.

19.07.2021 – Steffen Grimberg/MK

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