Frankreich: Medienkonzern Vivendi auf Expansionskurs

25.11.2021 •

Der französische Mediengroßkonzern Vivendi will noch größer werden und hat entsprechende Schritte eingeleitet. Bis Dezember 2022 will Vivendi die Kontrolle über seinen französischen Konkurrenten Lagardère erhalten. Im September 2021 hatte Vivendi einen Übernahmevorschlag des Investors Amber Capital gebilligt. Er sieht vor, dass Amber Capital seinen 18-Prozent-Aktienanteil an Lagardère bis zum 15. Dezember 2022 für 610 Mio Euro an Vivendi verkauft. Vivendi hält bisher bereits 27 Prozent der Lagardère-Aktien und käme durch den Kauf auf dann 45 Prozent. Für den Deal ist die Zustimmung der entsprechenden Aufsichtsbehörden erforderlich. So müssen die Europäische Kommission in Brüssel ebenso zustimmen wie die französische Behörde Conseil Supérieur de l’Audiovisuel (CSA). Würde der Deal genehmigt, entstünde mit dem expandierten Unternehmen Vivendi einer der größten Medienkonzerne Europas.

Vivendi kam im Jahr 2020 auf einen Umsatz von 16,1 Mrd Euro (2019: 15,9 Mrd) und erzielte einen Nettogewinn von 1,6 Mrd Euro (2019: ebenfalls 1,6 Mrd). Die wichtigsten Bereiche waren dabei die Musiksparte Universal Music Group (UMG) mit 7,4 Mrd Euro Umsatz, die im September 2021 ausgegliedert wurde, die Fernsehsparte Canal plus, die Werbegruppe Havas, die Verlagsgruppe Editis und die Spielegruppe Gameloft. Lagardère erwirtschaftete 2020 einen Umsatz von 4,4 Mrd Euro (2019: 7,2 Mrd) bei einem Nettoverlust von 688 Mio Euro (2019: Gewinn von 11 Mio). Die wichtigsten Branchen von Lagardère sind Lagardère Publishing (Hachette), Lagardère Travel Retail und Lagardère News. Zu Lagardère News zählen unter anderem die renommierte Zeitschrift „Paris Match“, die Sonntagszeitung „Le Journal du Dimanche“ und die Hörfunksender Europe 1, RFM und Virgin Radio. Außerdem hält der Konzern die Lizenz für die Frauenzeitschrift „Elle“.

Das System Bolloré

Treibende Kraft hinter der angestrebten Fusion ist der 69-jährige französische Multimilliardär Vincent Bolloré, der Hauptaktionär von Vivendi, der in Frankreich als „Heuschrecke“ gilt. Er investierte zunächst in das Transport- und Logistik-Geschäft. 2012 stieg Bolloré mit den zwei Fernsehsendern Direct 8 und Direct Star bei der Pay-TV-Plattform Canal plus ein und wurde bald größter Einzelaktionär von Vivendi. Bereits 2017 verfügte Bolloré mit über 27 Prozent der Aktien über die Kontrolle von Vivendi. Von 2016 bis 2018 erwarb er die Vivendi-Firmen Gameloft, Havas und Editis. Sein Vermögen und das seiner Familie werden vom Wirtschafts­magazin „Forbes“ auf 9,3 Mrd US-Dollar geschätzt.

Vincent Bolloré hat vier erwachsene Kinder, Cyrille, Yannick, Sébastien und Marie, die alle vier dem Aufsichtsrat der Groupe Bolloré angehören. Cyrille ist Vorsitzender und Geschäftsführer der Bolloré-Gruppe, Yannick stellvertretender Vorsitzender. Yannick Bolloré ist außerdem Aufsichtsratsvorsitzender von Vivendi. Die Bolloré-Gruppe erzielte im Jahr 2020 einen Umsatz von 24,1 Mrd Euro und einen Nettogewinn von 1,56 Mrd Euro.

Im Dezember 2020 vereinbarte Vivendi die Übernahme von Prisma Press, der größten französischen Zeitschriftengruppe, vom deutschen Verlag Gruner+Jahr (Bertelsmann) für geschätzt 100 Mio bis 150 Mio Euro. Zu Prisma Press gehören Titel wie „Télé-Loisirs“, „Voici“, „Femme Actuelle“, „Capital“ und „Gala“. Im Mai 2021 schloss Vivendi die Übernahme ab.

Der Rechtspopulist Zemmour

Am 14. Oktober 2021 veröffentlichte die internationale Journalistenorganisation „Reporter ohne Grenzen“ – eine sehr ungewöhnliche Maßnahme – eine 15-minütige Kurzdokumentation über die Bolloré-Medien. Der Film mit dem Titel „Le Système B“ zeigt die Methoden, mit denen Vincent Bolloré seine und andere Medien kontrolliert. Die Mechanismen, die er benutzt, wenn er Medien übernimmt oder wenn Journalisten anderer Medien versuchen, seine Geschäftsaktivitäten kritisch zu untersuchen, sind nach Auffassung von „Reporter ohne Grenzen“ eine „reale Gefahr für Pressefreiheit und Demokratie“.

Zu den Medien der Bolloré-Gruppe gehört auch der Fernsehnachrichtensender CNews, der zu einer Art „Fox News à la française“ geworden und durch Talksendungen wie „Face à l’info“ mit Moderatoren wie dem Rechtspopulisten Éric Zemmour außerordentlich beliebt geworden ist. Zemmours Themen sind die Einwanderung, der Islam und der Abstieg Frankreichs. Der 63-jährige Zemmour ist Sohn jüdischer Einwanderer aus Algerien. Der Journalist und Autor kokettiert derzeit mit einer möglichen Kandidatur bei der nächsten Präsidentschaftswahl in Frankreich im Frühjahr 2022 gegen den neoliberalen Präsidenten Emmanuel Macron und die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen. Sein Wahlpotenzial wird auf 15 bis 20 Prozent geschätzt. Damit könnte er es in den zweiten Wahlgang schaffen, also die Stichwahl der beiden stärksten Kandidaten aus der ersten Runde.

25.11.2021 – Ev/MK

` `