Frankreich: Fernsehserien-Festival „Séries Mania“ in Lille mit hohem Budget etabliert

31.05.2018 • Zum ersten Mal fand das Fernsehserien-Festival „Séries Mania“ vom 27. April bis zum 5. Mai dieses Jahres im nordfranzösischen Lille statt. Für die sechste Ausgabe dieses Festivals, das zuvor in Paris organisiert worden war, hatte sich die Stadt Lille um einen neuen, 4 Mio Euro umfassenden Etatposten der staatlichen französischen Filmförderanstalt CNC beworben und sich mit starker regionalpolitischer Unterstützung unter anderem gegen die Konkurrenz aus Cannes, Lyon und Paris durchgesetzt.

Bürgermeisterin von Lille ist seit 2001 die sozialistische Politikerin Martine Aubry (frühere Vorsitzende der Parti Socialiste und einst Arbeitsministerin im Kabinett von Lionel Jospin); Präsident der Region Hauts-de-France ist mit Xavier Bertrand jemand, der bis vor kurzem eines der Schwergewichte der konservativen Partei „Les Républicains“ war. Mit dem Umzug nach Lille wurde auch das bisherige Pariser Team um Festivaldirektorin Laurence Herszberg für die nordfranzösische Kapitale engagiert, verstärkt um Kräfte aus der Region Lille selbst. Herszberg hatte „nach reiflicher Reflexion“ ihre bisherige Stelle als Direktorin des Pariser „Forum des Images“ aufgegeben und sich bereit erklärt, unter Mitnahme des alten Festivalnamens für „Seriés Mania Lille“ zu arbeiten.

Die Konkurrenz in Cannes

Die Stadt Cannes hatte die Niederlage im Wettbewerb um ein hochdotiertes Serien-Festival nicht einfach hingenommen und Anfang April, integriert in die traditionelle Fernsehmesse „MIPTV“, ein eigenes Serien-Event aufgezogen, mit einem städtischen Budget von rund einer Million Euro. Der Wettbewerb um ein führendes Festival für das vor allem durch Streaming-Anbieter und Pay-TV sehr marktattraktive Segment „TV-Serien“ hatte in Frankreich für erheblichen kulturpolitischen und medialen Wirbel gesorgt, zumal Cannes-Bürgermeister David Lisnard und Lille-Regionalpräsident Bertrand bei „Les Républicains“ Parteifreunde waren (Bertrand trat im Winter 2017 aus der Partei aus).

Nach Ansicht vieler Branchenbeobachter hat allerdings die Veranstaltung in Lille die Konkurrenz in Cannes deutlich abhängen können – nicht zuletzt aufgrund des höheren Budgets und einer attraktiven Veranstaltungsinfrastruktur mit mehreren mittelgroßen Projektionszentren und Kinos. Außerdem wurde die Einbindung des „Séries-Mania“-Festivals in die kulturelle und gastronomische Sphäre der flandrischen Kapitale als sehr gelungen bezeichnet. Lille (232.000 Einwohner in der Kernstadt, 1,1 Millionen in der Metropolregion) war im Jahr 2004 zur Kulturhauptstadt Europas gewählt worden (gemeinsam mit Genua) und hatte dieses Ereignis genutzt, um sich seither kulturell, bildungspolitisch und touristisch weiter zu profilieren. Schließlich profitiert die Stadt auch von ihrer guten Verkehrsanbindung an London und Brüssel durch die Eurostar- und TGV-Hochgeschwindigkeitszüge.

Europäische Strahlkraft

Bei der ersten Ausgabe des Festivals in Lille wurden laut Veranstalterangaben aus rund 400 eingereichten Serien rund 80 für die publikumsoffenen Präsentationen ausgewählt. Der Besuch war für die Bürger kostenlos. Parallel wurden Ausstellungen organisiert, wie etwa Präsentationen alter Serien auf Bildschirmen neben den Gemälden im „Palais des Beaux Arts“ (dem zweitgrößten französischen Kunstmuseum). Rund 1800 Fachbesucher aus der Film- und Fernsehbranche hatten sich akkreditiert, darunter auch zahlreiche deutsche, vor allem nordrhein-westfälische Produzenten. Prominente Gäste waren unter anderem Netflix-Geschäftsführer Reed Hastings, Schauspielerinnen und Akteure wie Isabelle Adjani und Kad Merad (Star aus dem Filmhit „Willkommen bei den Sch’tis“, der unter anderem in Lille spielt), „Dallas“-Altstar Patrick Duffy und die aktuelle französische Kulturministerin Françoise Nyssen.

Die Hauptpreise des Festivals gingen an die israelische Serie „On the Spectrum“ (Grand Prix), die von Sky Italia und Arte-koproduzierte Serie „Il Miracolo“ (Jury-Preis) und die französische Produktion „Ad Vitam“ (gleichfalls Arte, mit Yvan Attal in der Hauptrolle). Zum Neustart von „Séries Mania“ in Lille sagte als dort anwesender Beobachter Lutz Hachmeister, Gründer der „Cologne Conference“ (bei der schon in den 1990er Jahren erstmals Fernsehserien auf großer Leinwand gezeigt worden waren) und Chef des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM), man habe in Nordfrankreich gezeigt, wie man mit einem „satisfaktionsfähigen Budget“ und einer gemeinsamen kulturpolitischen Professionalität ein Festival von europäischer Strahlkraft etablieren könne. In Nordrhein-Westfalen sei „vor allem in der kultur- und medienpolitisch fatalen Zeit des Kabinetts von Hannelore Kraft vieles verschlafen worden“, er habe aber den Eindruck, dass sich die neue Landesregierung „zumindest der Zeichen der Zeit bewusst“ sei. Die „Cologne Conference“ firmiert seit 2016 als „Filmfestival Cologne“ (vgl. MK-Meldung); Lille ist Partnerstadt von Köln, Hauts-de-France Partnerregion von Nordrhein-Westfalen.

31.05.2018 – MK