Frankreich: Die Tageszeitung „Libération“ wird in eine Stiftung überführt

05.08.2020 •

Die linksliberale französische Tageszeitung „Libération“ („Befreiung“) wird in eine Stiftung überführt. Das teilte am 14. Mai das Unternehmen Altice France mit, dem die Zeitung seit mehreren Jahren gehört. Altice France ist eine 100-prozentige Tochterfirma des Telekommunikationskonzerns Altice Europe, der wiederum im Besitz des französisch-israelischen Milliardärs Patrick Drahi ist. Das Vermögen des 56-jährigen Drahi wurde im Juni 2020 vom US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ auf 9,2 Mrd Dollar geschätzt. Wertvollster Bestandteil des Altice-Konzerns ist die zweitgrößte französische Telekommunikationsgesellschaft SFR. Altice hatte SFR 2014/15 vom Medienriesen Vivendi für einen Kaufpreis von insgesamt 17 Mrd Euro übernommen.

Die Zeitung „Libération“ wurde im Jahr 1973 von dem Philosophen und Schriftsteller Jean-Paul Sartre und mehreren Journalisten, darunter Serge July, als linkes Alternativprojekt gegründet. July leitete die Zeitung von 1974 bis 2006. „Libération“, kurz auch „Libé“ genannt, hatte 2019 eine Auflage von 71.466 Exemplaren – ein Plus von sechs Prozent gegenüber 2018. Im Jahr 2001 allerdings wurden noch 174.310 Exemplare verkauft.

2014 stieg Patrick Drahi bei der Zeitung ein, die damals wie heute rote Zahlen schreibt. Drahi übernahm in einem ersten Schritt 50 Prozent der Anteile und dann 2015 die übrigen 50 Prozent. Die damalige Übernahme von „Libération“ durch Drahi wird in Frankreich in Zusammenhang mit dem Kauf von SFR durch Altice gesehen. Beide Akquisitionen kamen zustande, als François Hollande von der Sozialistischen Partei (PS) französischer Staatspräsident war.

Garantie der redaktionellen Unabhängigkeit

Wie Altice France mitteilte, sei vorgesehen, „Libération“ im Herbst 2020 aus dem Unternehmen auszugliedern und in „eine nicht gewinnbringende Zweckgesellschaft“ („une société à but non lucratif“) einzubringen. Altice France plant dazu die Einrichtung eines „Stiftungsfonds für eine unabhängige Presse“ („Fonds de Dotation pour une presse indépendante“). Der Fonds soll dann über die Tochtergesellschaft ‘Presse Indépendante SAS’ die Zeitung sowie deren Werbefirma und deren Gesellschaft für technologische Entwicklung übernehmen.

Mit der Überführung von „Libération“ in eine Stiftung folgt Altice dem französischen Medienunternehmen Mediapart von Edwy Plenel, das bereits 2019 in eine „Stiftung für eine freie Presse“ umgewandelt wurde. Mediapart produziert die gleichnamige werbefreie Internet-Zeitung, die sich ausschließlich aus den Einnahmen durch Abonnements ihrer Leser finanziert. Vorbild für das Mediapart-Stiftungsmodell war wiederum der britische Scott Trust, über den seit 1936 die britische Guardian Media Group abgesichert ist, zu der die Tageszeitung „The Guardian“ und die Wochenzeitung „The Observer“ gehören.

Das für „Libération“ vorgesehene Stiftungsmodell soll der Zeitung die „vollständige redaktio­nelle, wirtschaftliche und finanzielle Unabhängigkeit“ garantieren. Auch die „jetzigen Rechte der Redaktion werden integral erhalten und garantiert“, hieß es in der Erklärung vom 14. Mai. „Libération“ wird auch künftig von zwei Co-Geschäftsführern (Cogérants) geleitet. Einer davon ist Paul Quinio. Er übernahm am 20. Juli kommissarisch die Positionen als Co-Geschäftsführer und Redaktionsdirektor von „Libération“ in der Nachfolge von Laurent Joffrin. An diesem Tag trat der 68-jährige Joffrin von beiden Funktionen zurück, weil er sich in der Politik engagieren will. Geplant war bisher, dass Joffrin Ende 2020 aus dem „Libération“-Management ausscheidet. Laurent Joffrin stand von 2006 bis 2011 als Präsident des Redaktionsdirektoriums an der Spitze der Zeitung.

Denis Olivennes neuer Co‑Geschäftsführer

Weiterer Co-Geschäftsführer und Generaldirektor von „Libération“ ist seit dem 11. Juni der 59-jährige Medienmanager und Publizist Denis Olivennes. Er war zuvor Präsident des Unternehmens CMI France, das Teil der CMI-Firmengruppe des tschechischen Milliardärs Daniel Kretinsky ist. Zu CMI France gehören die Zeitschriften „Elle“, „Marianne“ und „Télé 7 Jours“ sowie eine Beteiligung an der Tageszeitung „Le Monde“. Bei „Libération“ folgte Olivennes auf Clément Delpirou, der Mitte Juni von dem Chefposten zurückgetreten war. Olivennes leitete in den vergangenen 20 Jahren unter anderem das Telekommunikationsunternehmen Numéricable (heute: Altice), den Pay-TV-Sender Canal plus France, die Handelskette FNAC, das Nachrichtenmagazin „Le Nouvel Observateur“, den Sender Radio Europe 1 und die Mediengruppe Lagardère Active.

Der „Stiftungsfonds für eine unabhängige Presse“, unter deren Dach „Libération“ künftig angesiedelt sein wird, soll von einem dreiköpfigen Verwaltungsrat geleitet werden. Dem Gremium angehören sollen der bisherige „Libération“-Redaktionsdirektor Laurent Joffrin, Altice-Média-Geschäftsführer Arthur Dreyfuss sowie Laurent Halimi, der Direktor für Fusionen und Übernahmen von Altice Europe. Patrick Drahi, der Gründer und Präsident von Altice, werde, wie es in Paris hieß, „weiterhin persönlich die Zukunft von ‘Libération’ begleiten“.

Die Altice-Gruppe wird nach eigener Darstellung „den Stiftungsfonds substanziell ausstatten“, um „Libération“ in die Lage zu versetzen, dass die Zeitung ihre gesamten Schulden zurückzahlen könne. Zugleich will Altice der Zeitung nach und nach die notwendigen Gelder zur Verfügung stellen, damit sie ihre künftigen Betriebskosten decken könne und „so ihre Unabhängigkeit langfristig garantiert“ sei. Die Schulden von „Libération“ werden auf 45 Mio bis 50 Mio Euro geschätzt.

05.08.2020 – me/MK

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