Frankreich: Delphine Ernotte bleibt Präsidentin von France Télévisions

18.08.2020 •

Am 22. Juli wählte der französische Rundfunkrat Conseil Supérieur de l’Audiovisuel (CSA) in einer Plenarsitzung in Paris Delphine Ernotte Cunci, die Präsidentin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens France Télévisions, erneut für fünf Jahre zur Chefin des größten französischen TV-Unternehmens. Ihre neue Amtszeit beginnt am 22. August.

Zu den Anhörungen des Rundfunkrats am 20. und 21. Juli waren insgesamt acht Kandidaten, die für den Posten in Frage kamen, eingeladen worden. Darunter befanden sich außer der nun 54-jährigen Delphine Ernotte auch als stärkste Kontrahenten der 55-jährige Medienmanager Christopher Baldelli, von 2009 bis 2019 Präsident von RTL Radio France und von 2002 bis 2005 Intendant des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders France 2, sowie der 60-jährige Belgier Jean-Paul Philippot, seit 2002 Intendant des öffentlich-rechtlichen, französischsprachigen belgischen Rundfunks RTBF in Wallonien und von 2009 bis 2019 Präsident der europäischen Rundfunkunion EBU.

Marktposition ausgebaut

Man habe sich für Delphine Ernotte Cunci entschieden, hieß es in dem von CSA-Präsident Roch-Olivier Maistre unterzeichneten Wahlbeschluss, um mit ihr „die engagierten Veränderungen fortzusetzen“, die bei France Télévisions im Gang seien, um das Unternehmen „an eine sich schnell verändernde Umwelt“ anzupassen und so seine Zukunft zu sichern. Delphine Ernotte stammt aus einer Arztfamilie aus der südwestfranzösischen Stadt Bayonne und ist baskisch-korsischer Herkunft. Sie studierte Ingenieurswesen an der École Centrale in Paris und promovierte dort 1989.

Bevor sie Mitte 2015 Präsidentin von France Télévisions wurde, hatte Ernotte ihre gesamte berufliche Karriere beim damaligen staatlichen Unternehmen France Télécom verbracht, das seit 2013 unter dem Firmennahmen Orange in Frankreich und im Ausland agiert. Sie begann in dem Unternehmen 1989 als Finanzanalystin und war dort zuletzt von 2011 bis 2015 als Generaldirektorin für Orange France verantwortlich, dem wichtigsten Teil des Unternehmens.

Als Ernotte 2015 zum ersten Mal zur Präsidentin von France Télévisions gewählt wurde, hatte sich Delphine Ernotte gegen insgesamt 32 Mitbewerber für das Spitzenamt durchgesetzt (vgl. MK-Meldung). Sie war damit die erste Frau in dieser Führungsposition des französischen Fernsehsektors. Seit Januar 2019 ist sie auch Vizepräsidentin der EBU.

Die große Rundfunkreform

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen France Télévisions konnte in den letzten Jahren unter Delphine Ernotte seine Marktposition ausbauen. Es erreichte 2019 mit seinen Programmen mit zusammengerechnet 28,9 Prozent den ersten Platz bei den Marktanteilen, vor den kommerziellen Konkurrenten TF1 (Bouygues) mit 27,2 Prozent und M6 (RTL-Bertelsmann) mit 14,5 Prozent. Zu France Télévisions gehören die Fernsehprogramme France 2, France 3, France 5, France 4 und France Info.

Eine wichtige künftige Aufgabe von Delphine Ernotte wird ihr Mitwirken an der seit 2017 von Präsident Emmanuel Macron geplanten großen Rundfunkreform sein. Unter dem Dach einer Unternehmensholding mit dem Namen France Médias soll demzufolge ab dem Jahr 2021 der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Frankreich zusammengefasst werden (vgl. diese MK-Meldung und diese MK-Meldung). Jetzt wurde im Rahmen der Neubildung der französischen Regierung unter Premierminister Jean Castex am 6. Juli die 73-jährige ehemalige konservative Ministerin Roselyne Bachelot neue französische Kulturministerin und damit auch für die Medien zuständig. Ihr Amtsvorgänger Franck Riester, ein wichtiger Bundesgenosse Präsident Macrons, wurde „delegierter Minister für Außenhandel und wirtschaftliche Attraktivität“.

Die konservative Politikerin und promovierte Pharmakologin Roselyne Bachelot war von 2002 bis 2012 Ministerin unter den Präsidenten Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy und damals für Umweltschutz, Gesundheit und Soziales, aber nie für Kultur zuständig. Im Jahr 2012 zog sie sich aus der Politik zurück und arbeitete als populäre Moderatorin und Journalistin acht Jahre lang für kommerzielle Radio- und Fernsehsender. Bachelot bestätigte Ende Juli, dass sie die von Präsident Macron avisierte Rundfunkreform fortsetzen wolle. Die Coronakrise behindere allerdings zur Zeit die Schaffung der geplanten öffentlich-rechtlichen Rundfunkholding France Médias, sagte sie.

18.08.2020

Print-Ausgabe 23/2020

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