USA: Oscar-Übertragung verliert ein Fünftel ihrer Zuschauer

09.03.2018 • Im vorigen Jahr endete die in den USA vom Network ABC übertragene Verleihung der Oscars, der Preise für die besten filmischen Leistungen des vorausgegangenen Jahres, mit einer peinlichen Verwechslung: Es wurde zunächst der falsche Film als Preisträger in der Hauptkategorie „Bester Film“ verkündet („La La Land“ anstelle von „Moonlight“, des richtigen Gewinners). Dieses Jahr bei der 90. Oscar-Verleihung in Los Angeles ging alles fehlerlos über die Bühne. Doch hinterher stellte sich heraus, dass die Einschaltquote für die Fernsehübertragung in den Keller gefallen war. Um fast ein Fünftel, nämlich um 19 Prozent, ist die Sehbeteiligung gefallen.

Nach den Übertragungen des Endspiels der American-Football-Meisterschaft um die „Super Bowl“ gilt die Oscar-Verleihung seit Jahrzehnten als das größte Ereignis im US-amerikanischen Fernsehen. In zurückliegenden Jahren erreichte die Live-Sendung oft über 40 Mio Zuschauer. Das war zum letzten Mal 2014 der Fall. Seitdem ging es jedoch kontinuierlich abwärts. 2017 schalteten immerhin noch 32,9 Mio Menschen ein, am Abend des 4. März dieses Jahres waren es nur noch 26,5 Mio. Gemessen an seinem Ruf und an den von ABC geforderten Preisen für die Werbeschaltungen in der Sendung war der „Oscar 2018“ ein Flop.

Auch in den sozialen Medien spielte die Oscar-Verleihung diesmal keine so große Rolle mehr wie in früheren Jahren. Während der nahezu vierstündigen Übertragung wurden die Oscars auf Facebook, Twitter und Reddit nur noch 2,5 Mio Mal erwähnt – ein Rückgang um 1,7 Mio gegenüber dem Vorjahr. Kein Trost ist für die Veranstalter der Oscar-Übertragung die Feststellung, dass auch andere Preisverleihungen im Fernsehen heutzutage nicht mehr die Zuschauerzahlen erreichen, die sie einst hatten. Nur 19,8 Mio Zuschauer zählte das Publikum der jüngsten Grammy-Übertragung – 24 Prozent weniger als im vorigen Jahr. Und selbst das Finale um die „Super Bowl“ erwies sich inzwischen nicht mehr als standfest und kommt bei den TV-Übertragungen nicht mehr an die Höchstquoten von früher heran.

Die Interessen des Kinopublikums

Natürlich wird überall nach den Gründen gefragt. Eine der Ursachen, die sogar US-Präsident Donald Trump in einer seiner Twitter-Äußerungen registriert hat, war bei der Oscar-Übertragung 2018 sicher die geringe Anwesenheit von Stars, die beim jungen Publikum eine Rolle spielen. Auch die zahlreichen politischen Anspielungen und Kommentare, die sich durch die ganze Sendung zogen, waren zwar sachlich sehr angebracht, spiegelten aber sicherlich nicht das, was junge Zuschauer von einem Programm wie dem Oscar-Event erwarten.

Der Hauptgrund für die Massenabwanderung des Publikums liegt aber wahrscheinlich in einem Manko, für das die veranstaltende Academy of Motion Picture Arts and Sciences selbst die Verantwortung übernehmen muss: Die Oscars reflektieren nicht mehr, was das Publikum im Kino heutzutage interessiert. Preisträger wie die Filme „The Shape of Water“, „Get Out“ und „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, deren Auszeichnung unter künstlerischen und gesellschaftlichen Standpunkten vollauf gerechtfertigt ist, haben in den US-Kinos jeweils kein großes Publikum angelockt. Zwar werden von der Akademie inzwischen bis zu zehn Filme allein für den Hauptpreis „Bester Film“ nominiert, doch unter ihnen war diesmal kein einziger zu finden, der ein Millionenpublikum wie einst bei „Titanic“ oder „Avatar“ angelockt hätte.

Solange bei den Oscars keine Filme mehr berücksichtigt werden, die das heutige Kinopublikum interessieren, werden die Quoten für die Fernsehübertragung der Preisverleihung wohl weiter sinken. Sogar ein Film wie „Wonder Woman“, den auch die Kritiker gelobt haben, hatte diesmal keine Chancen bei der Filmakademie. Im nächsten Jahr dürfte sich allerdings mit noch größerer Deutlichkeit zeigen, ob die Oscar-Verleihung für das Massenpublikum eine Zukunft haben kann, denn dann steht auch der große Kinokassenerfolg dieses Jahres, der ganz auf junges Publikum ausgerichtete Fantasyfilm „Black Panther“, zur Debatte, der weltweit in knapp drei Wochen schon fast eine Milliarde Dollar eingespielt hat.

09.03.2018 – Ev/MK