Wie Rundfunk auf der Flucht vor der Realität

13.05.2021 •

«Dabei gäbe es gerade heute Objekte, Menschen und Orte genug, deren Komplexitäten mit den Mitteln und Methoden des Dokumentarfilms angemessen gezeigt werden könnten. Nachdem die ersten Monate des Lebens mit Covid-19 von ARD und ZDF respektabel bewältigt wurden, fehlt in den Hauptprogrammen, in der Primetime je länger, je mehr genau diese Programmfarbe, diese Anstrengung und diese Machart, die eine gelungene Dokumentation auszeichnet: das Langsame, das Analytische, die Geduld, die Präzision, die mittlere Temperatur – als Ergänzung, im Zweifel auch als Kontrast zu den Formaten des Kleingehäckselten, den Infektions- und Todeszahlen, den Impfrekorden, den nicht enden wollenden Statements der unendlich vielen Vorsitzenden, dem Rätsel R-Wert, den Gerüchten über Studien, der Stippvisite im Elend einer Intensivstation, in der Enge des Homeschooling. Dieser Zugriff auf Wirklichkeit reduziert, routiniert und vorhersehbar, eine komplexe Realität auf das stets gerade Sichtbare, oft auf Form und Länge eines Programmtrailers. Er schafft zu wenig Raum und Zeit für Einsichten.

Manchmal wirkt der Umgang mit der Pandemie im Fernsehen wie Rundfunk auf der Flucht vor der Realität, auf dem Rücksitz begleitet von den ewig gleichen Menschen, die jeden zweiten Tag zu Wort kommen. Wo sind die Stücke, die aus den überquellenden Nachrichtenportalen Geschichten machen, die zu erzählen es Zeit braucht, die bei einer Person, bei einem Thema, einem Ort lange genug bleiben, damit man verstehen kann, was wirklich geschieht? Damit man zwischen einer Inszenierung – durch Politiker, durch Experten, durch Journalisten – und der Wirklichkeit unterscheiden lernt? Wo bleibt ein Stück wie Roman Brodmanns „Die grünen Menschen von Intensiv I“? […]

Was wirklich geschieht, erfährt man nicht in Talkshows mit Titeln, die stets mit einem Fragezeichen enden, und einem Personal, das kurz vor der Festanstellung steht.»

Norbert Schneider im „Tagesspiegel“ (Ausgabe vom 12.5.2021) in einem längeren Artikel über das Fehlen des langen Dokumentarfilms im heutigen Fernsehen 

13.05.2021 – MK

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