Trash-TV für die dauerhaft erregte Gesellschaft

27.07.2021 •

«Wer in einen Raum kommt, in dem viele Menschen laut reden, muss selbst noch lauter reden, um gehört zu werden. Trash-TV begann seine Karriere in einer Zeit beständig zunehmender Medienkonkurrenz, in der immer mehr Angebote um die begrenzte Aufmerksamkeit des Publikums wetteiferten. Die Steigerung der Lautstärke, der Reizmenge und Reizintensität war also dringend erforderlich, um in der Konkurrenz der Sender und Sendungen zu bestehen.

Aber ebenso wie sich ein Tabu genau einmal brechen lässt, lassen sich skandalöse Talkshow-Themen und als menschenverachtend eingeschätzte Spielshow-Settings nicht beliebig steigern – weshalb derartige Formate auch als „kannibalistisch“ bezeichnet werden: Sie fressen sich früher oder später selbst auf, weil keine Steigerung mehr möglich ist. Schwanger mit 13? Ist als Talkshow-Thema uninteressant, wenn letzte Woche schon eine schwangere 12‑Jährige in der Sendung war. Känguruhoden als „Delikatesse“ im Dschungelcamp? Schockiert auch nur beim ersten Mal.

Dank der Erweiterung des Medienensembles um Internet und Social Media, Videoportale und Podcasts entstanden zwar weitere Möglichkeiten zur Steigerung der medialen Lautstärke, aber ebenfalls begrenzte – und zwar durch gesetzliche Vorgaben. Als Resultat verschwand Trash-TV nicht oder wurde generell zahmer, stattdessen hatte sich die mediale Grundlautstärke im Vergleich zu Zeiten vor Privatsendern und Digitalmedien deutlich erhöht.

Und nicht nur die Lautstärke: Aus vielerlei Gründen veränderte sich in wichtigen Bereichen gesellschaftliche Kommunikation insgesamt. In aller Verkürzung: Während alte Gewissheiten schwanden, es den Kindern nicht mehr unbedingt besser gehen und die Rente keineswegs sicher sein würde, sorgten immer neue Krisen für zusätzliche Verunsicherung und den umso stärkeren Wunsch nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme und Eindeutigkeit – egal ob Schwarz oder Weiß, Hauptsache nicht Grau. Diesen Anforderungen kommt Trash-TV perfekt entgegen: Es produziert Erregung ohne Zwischentöne für eine durch verschiedene Krisen dauerhaft erregte Gesellschaft.»

Gerd Hallenberger in der Zeitschrift „TV Diskurs“ (Ausgabe 2/2021) in einem Aufsatz über „Kontexte von Trash-TV“. Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift „TV Diskurs“ wird herausgegeben von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Das aktuelle Heft widmet sich als Schwerpunkt dem Thema „Faszination Trash: Unterhaltung am Limit“.

27.07.2021 – MK

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