Talkshows Resterampe: „Die letzte Instanz“ im WDR Fernsehen

20.12.2019 •

Als gäbe es nicht schon genug Talkshows. Das hielt den WDR nicht davon ab, noch eine ins Programm zu nehmen, Sendetitel: „Die letzte Instanz“. Sie lief im November sonntags im Dritten Programm WDR Fernsehen jeweils um 22.15 Uhr mit vier einstündigen Ausgaben (am 3., 10., 17. und 24. November). Moderator Steffen Hallaschka überträgt hier ein ‘analoges’ Format, das er im Hamburger Schmidt-Theater angeblich erfolgreich praktiziert, ins Fernsehen. Das soll nach Produzentenmeinung „temperamentvoller Meinungstalk sein: Jeweils vier Unterhaltungskräfte mit reichlich Lebenserfahrung diskutieren aktuelle Themen des Alltags“. Produziert wird der Talk von „Ansager & Schnipselmann“, der Firma, die unter anderem auch „Hart aber fair“ fürs Erste Programm der ARD herstellt.

Die Menschen „mit reichlich Lebenserfahrung“ waren in den vier Ausgaben der „Letzten Instanz“ als feste Teilnehmer Kalle Schwensen, Rotlichtgröße und Laiendarsteller mit dunkler Brille und schlecht sitzender Zahnprothese, sowie der Autor und Moderator Micky Beisenherz. Hinzu traten in den vier Sendungen der neuen Talkreihe weitere „Entertainer“, so der WDR, die „mit großem Herz und großer Klappe“ diskutieren würden. Der WDR selbst zeigt auch große Klappe und kündigt die Sendung an mit den Worten: „Überall das Gleiche: Politik verkommt zum Entertainment. Dann müssen sich Entertainer wohl um die Politik kümmern!“ Na ja, klappern gehört zu Handwerk. Vor und nach jeder Diskussionsrunde spricht bei der „Letzten Instanz“ Volkes Stimme: Alle im Publikum Anwesenden beantworten die jeweils gestellten Fragen in streng öffentlicher Abstimmung: mit „ja = grün“ oder „nein = rot“. Das soll dann wohl die Demokratisierung der TV-Unterhaltung sein? Aber wahrscheinlich waren da nur die Abstimmungskarten von „Zimmer frei!“ noch übriggeblieben.

Die Themen machen den Eindruck, als seien sie der Resterampe der politischen Talkshows entnommen. Zwar ist schon alles gesagt, aber eben nicht von allen. Nichts Neues in der „Letzten Instanz“: die AfD, Klimaproteste und die Frage, ob Wirte verbieten dürfen, das Essen zu fotografieren? (Ausgabe 1); Tempolimit, Künast-Urteil, sexistisches Cheerleading und E-Scooter (Ausgabe 2); Containern, Bluttest auf Trisomie 21, Online-Shopping und ein gemeinsames Grab mit dem Haustier (Ausgabe 3). Und in der vierten Ausgabe waren die Themen bzw. Fragen diese: „Rekord bei den Austritten: Brauchen wir die Kirche noch?“ – „Ist es okay, im Rentenalter noch Vater zu werden?“ – „Sollte man bei Tatverdächtigen die Nationalität nennen?“ Und: „Soll privates Feuerwerk an Silvester verboten werden?“

Keine Frage, das sind wirklich die Themen, die die Gesellschaft echt bewegen! Da sind wir doch dankbar, dass es Steffen Hallaschka gibt, der mit „Stern TV“ bei RTL offenkundig nicht ausgelastet ist und für diese Art des Themenmixens vielleicht eine Brücke zu den Öffentlich-Rechtlichen baut. Schließlich verspricht der Werbetext für „Die letzte Instanz“: „Ob politische Geschmacklosigkeiten, grenzwertige Promi-Tweets, fragwürdige Schlagzeilen oder Moralfragen – zu all dem äußern die vier Gesprächsgäste deutlich ihre Meinung. Denn klare Kante ist gefragt.“ Nun ja.

In der letzten Ausgabe waren neben dem ‘Stammpersonal’ die Rechtsanwältin, Autorin und TV-Moderatorin Laura Karasek und der Komiker Wigald Boning als Gäste eingeladen. Als es um das Thema Kirchenaustritte und dabei um die katholische Kirche ging, erzählte Micky Beisenherz, dass er es unmöglich gefunden habe, dass der Priester seiner vierjährigen Tochter die Kommunion verweigert habe. Da habe er eben selbst seine Hostie dem Kind gereicht, was den Priester fassungslos gemacht habe. Und Laura Karasek war bei der kirchlichen Trauung, der sie auf ausdrücklichen Wunsch ihres Mannes zugestimmt hatte, weder Hostie noch Kelch gereicht worden, da sie nicht der Kirche angehört: „Da bin ich bei der eigenen Hochzeit verhungert und verdurstet.“ Kein großes Herz, sondern ein schlankes Hirn. Es war einfach nur dümmlich und peinlich. Pointenjagd in unterster Schublade. Das ist öffentlich-rechtliches Fernsehen am Sonntagabend?

Immerhin brachte Wigald Boning ein wenig Nachdenkliches ein. Er sei zwar aus steuerlichen Gründen aus der Kirche ausgetreten, aber er gehe gerne in Kirchen, bleibe auch manchmal im Gottesdienst. Und überhaupt – die Kirchen leisteten doch auch ganz viel Großartiges. Ja, da ist in über 2000 Jahren auch viel zu viel falsch gelaufen. Und gerade heutzutage gibt es mehr als nur einen Anlass zu grundsätzlicher Kritik. Aber ein Mindestmaß an Niveau bei dieser Kritik sollte schon sein. Noch kostengünstiger als solch eine Talksendung wäre dann doch der Gang in die nächste Fußgängerzone. Das ist dann Volkes Meinung ungeschminkt. Und wenn man es geschickt schneidet, auch unterhaltsam.

20.12.2019 – mt/MK