Soziale Medien und der Wirklichkeitssinn

21.06.2021 •

«Traditionelle Medien erweitern unseren Blick auf die Welt. Soziale Medien hingegen erweitern unser Selbst. Sie vermitteln nicht nur Informationen, sondern geben uns die Möglichkeit, uns selbst öffentlich zu artikulieren. Auf Twitter zum Beispiel kann man hochseriöse Analysen ebenso finden, wie unsäglichen Unsinn. Das Entscheidende aber ist, dass sich jeder im Prinzip zu allem äußern, dass jeder mit seinem Selbst zum öffentlichen Sprachrohr werden kann. Über Hass und Lügen im Netz kann man sich beklagen, man kann dagegen vorgehen oder hoffen, dass die Plattformen dies konsequenter als bisher tun. Aber wenn die hier vertretene These stimmt, dann ist das Medium selbst das Problem, dann geht es gar nicht so sehr um die Inhalte, sondern vielmehr darum, wie soziale Medien unser Verhalten überhaupt prägen, wie sie unsere Vorstellung von Öffentlichkeit verändern.

Soziale Medien als Selbsterweiterungen sind weder Wahrheitsmaschinen noch digitale Demokratien. Sie leben von einem romantischen Überschuss, von Selbstüberhöhung und Verklärung. Wer auf Twitter nach Aufmerksamkeit und Anerkennung schreit, der will nicht einfach nur sagen, was ist. Soziale Medien lassen sich nicht auf Wirklichkeitssinn verpflichten, sonst sind sie keine sozialen Medien mehr.»

Aus einem Aufsatz von Thomas Vašek in der Philosophie-Zeitschrift „Hohe Luft“ (Nr. 4/2021). Der Beitrag hat den Titel „Die Medien sind Teil des Schlamassels, in dem wir stecken“. Vašek ist Chefredakteur der Zeitschrift, deren Heft Nr. 4/2021 sich in einem Schwerpunkt dem Thema „Medien und Demokratie“ widmet, das Ganze unter der Überschrift: „Sind die Medien kaputt?“

21.06.2021 – MK

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