Serienkonsum: Die Jetztzeit und die Prä‑Netflix‑Jahre

24.07.2020 •

«Der eine große Unterschied vom Serienkonsum der Jetztzeit zum Serienkonsum der Prä-Netflix-Jahre ist natürlich: das Bingen – also die Strategie der Streaming-Dienste, ihre Serien staffelweise in einem Rutsch zu veröffentlichen. Denn während all die Serien, mit denen der Serienboom losging, ihre neuen Folgen mit jeweils einer Woche Abstand in die Welt setzten und Storylines stets so komponierten, dass sich diese Woche gut füllen ließ mit Diskussionen und Mutmaßungen über das, was war, und das, was möglicherweise kommt, so halten es die modernen Streaming-Dienste eher wie ein Koch, der einfach alle Gänge gleichzeitig vor den Gästen ablädt und dem völlig egal ist, ob irgendjemand das Dessert vor dem Hauptgang isst oder Weißwein mit Sprite mischt: Hauptsache, der Laden ist voll!

Als Befreiung von den Ketten des linearen Fernsehens wurde uns das Bingen ursprünglich mal verkauft, als Mündigmachen des Zuschauers von konservativen Programmplanern und ihren in Stein gemeißelten Programmschienen. In Wirklichkeit aber war das Bingen nie eine inhaltliche Entscheidung, sondern vor allem eine Marketingstrategie. Um sich von den herkömmlichen Sendern abzugrenzen und diese alt und behäbig aussehen zu lassen, haben die schlauen Menschen bei Netflix in den ersten Jahren der weltweiten Expansion bewusst Dinge gemacht, die in der alten Fernsehwelt unmöglich waren: Serien fortgesetzt, die zwar viele Fans hatten, aber nicht genug Zuschauer; Filme produziert, die weitaus mehr kosten, als sie auf konventionellem Weg einspielen würden; und Serien staffelweise auf die Server gepackt – eben weil man kein Sender ist, der 24/7 ein zur jeweiligen Uhrzeit, Jahreszeit oder zum Wochentag passendes Programm rausspielen muss.»

Der Fernsehautor Stefan Stuckmann („Switch Reloaded“, „Eichwald, MdB“, „Kroymann“) beim Online-Portal „Übermedien“ in einem am 10. Juli veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Der Siegeszug der Serien hat die Serien ruiniert“

24.07.2020 – MK