…liest Grass im Rundfunk

30.03.2020 •

«Im Juli 1956 machen sie sich auf, mit leichtem Gepäck nach Paris. Sie finden billige Mansarden, Günter Grass durchstöbert die Märkte nach billigem Gemüse, Pilzen, Hammel, Fisch. Schließlich kauft ihnen Annas Vater eine kleine Wohnung in der Avenue d’Italie, im ersten Stock des Hinterhauses. Ein Heizungskeller gehört dazu, den richtet sich der Dichter als Romankammer ein. Die Pläne Danzigs und seine Romanpläne an die Wand geheftet, tief in Tabakqualm gehüllt schreibt er mit der Hand Seite um Seite das Buch, das lange schon in ihm arbeitet. Abends gehen sie tanzen. Wann immer sie Geld brauchen, fährt Grass nach Deutschland, liest im Rundfunk, vermittelt von den Hörfunkredakteuren Joachim Kaiser und Walter Höllerer, neueste Werke vor. Honorare gibt es bar an der Kasse. Und wenn wieder ein Treffen der Gruppe 47 ist, bringt er einige Grafiken mit und verkauft sie für 100 Mark das Stück. Wolfgang Hildesheimer kauft sie ihm ab. Ob er ein guter Dichter sei, das wisse er nicht, aber ein guter Grafiker sei er auf jeden Fall, das könne man sehen.»

Aus dem 2019 erschienenen Buch „Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“ von Volker Weidermann

30.03.2020 – MK

Print-Ausgabe 10/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren