Hörspielarbeit konnte Ehen stiften: Zum 100. Geburtstag von Ilse Aichinger

02.11.2021 •

Von gesicherten Einkommensverhältnissen mussten prominente und produktive Hörspielautoren in den 1950er Jahren nicht träumen. Sie bekamen diese sogar bestätigt: Dies zeigen Archivfunde, an die an dieser Stelle aus Anlass von Ilse Aichingers 100. Geburtstag am 1. November 2021 noch einmal erinnert werden soll.

Günter Eich (1907-1972) und Ilse Aichinger (1921-2016) hatten sich auf den Treffen der Gruppe 47 kennengelernt. 1952 hatte die junge österreichische Autorin den Preis von der männlich dominierten Gruppe zugesprochen bekommen. Im Frühsommer 1953 wollen Aichinger und Eich heiraten. Alles ist soweit vorbereitet, die Hochzeit soll demnächst stattfinden. Doch die österreichischen Behörden verlangen von dem „Ausländer“ und Freiberufler Günter Eich einen Verdienstnachweis. Zwei gleichlautende Telegramme erreichen daraufhin die Hörspielabteilungen des Südwestfunks (SWF) in Baden-Baden und des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in Hamburg. „Erbitte sofort durch Eilboten Bestätigung, daß ich durch Arbeit am Südwestfunk in gesicherten Einkommensverhältnissen lebe“, schreibt Eich an den SWF (Günter Eich. Telegramm an den SWF. 26.5.1953. Historisches Archiv des SWR. P 4391). Umgehend treffen in Wien die erforderlichen Bestätigungen ein. Mit Blick auf die Behörden antwortet die Hörspielabteilung aus Baden-Baden: „Wir bestätigen Ihnen, daß wir jetzt und in Zukunft bereit und in der Lage sind, Ihnen durch Mitarbeit am Südwestfunk gesicherte Einkommensverhältnisse zu verschaffen“ (SWF. Telegramm an Günter Eich. 27.5.1953. Ebd.).

Und Heinz Schwitzke, der große Hörspielchef in Hamburg, fügt seiner Bestätigung über die „gesicherten Einkommensverhältnisse“ die Bemerkung hinzu: „wie sich das für den berühmtesten deutschen Hörspielautor zweifellos gehört“ (Heinz Schwitzke an Günter Eich, 28.5.1953. NDR-Hörspielabteilung). Im gleichzeitig abgehenden privaten Anschreiben heißt es noch: „Die beiliegende Bescheinigung habe ich mit einem bombastischen Schnörkel versehen, weil ich denke, daß Sie damit irgendwelche Beamten ärgern wollen, die Ihnen bürokratische Schwierigkeiten machen“ (ebd.).

Die stolzen Summen, die in diesem Zusammenhang für 1952/53 genannt werden, haben die Bedenken der österreichischen Behörden zerstreut. Ende Mai 1953 findet die Hochzeit von Günter Eich und Ilse Aichinger statt.

02.11.2021 – Hans-Ulrich Wagner/MK

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