Gehirnwäsche der Deutschen durch Hörspiele?

23.09.2020 •

Von wegen Blütezeit des Hörspiels! All die liebgewonnenen, preisgekrönten und wertgeschätzten „Träume“, guten Götter „von Manhattan“ und auf den inneren Meeren unserer Phantasie umherschippernden Schiffe mit so trügerischen Namen wie „Esperanza“ – all diese Hörspiele dienten in Wirklichkeit einem perfiden Umerziehungsplan. Günter Eich, Ingeborg Bachmann, Fred von Hoerschelmann und wie sie alle hießen, die ihr Talent den Rundfunkanstalten willfährig andienten – sie waren Erfüllungsgehilfen einer gigantischen Massenerziehung, einer „als Volkserziehung konzipierten massenhaften ästhetischen Reeducationspolitik“.

Den Schleier von den hörspielgeblendeten Augen reißt uns die Literaturwissenschaftlerin Bettina Bannasch. Von ihr stammt das obige Zitat und die Augsburger Professorin schreibt in dem soeben erschienenen „Handbuch Literatur & Audiokultur“ (Verlag Walter de Gruyter) in ihrem Aufsatz zum Thema „Neue Sprechweisen: das Nachkriegshörspiel von Eich bis Bachmann“ weiter: „Unter der Kontrolle der amerikanischen Besatzungsbehörde werden der österreichische und westdeutsche Rundfunk spätestens ab 1950 zum wichtigsten Propagandamedium der USA.“ Deren Department of State „bedient sich des literarischen Hörspiels und seiner besonderen Möglichkeiten für eine ‘oblique propaganda’ gewissermaßen als Mogelpackung: Die bereits in den Rundfunktheorien der 1930er Jahre entwickelte und in der Zeit des Nationalsozialismus für Zwecke der politischen Propaganda funktionalisierte Vorstellung von der ‘inneren Bühne’ des Hörspiels – die bis weit in die 1960er Jahre den Hörspieldiskurs bestimmt – macht diese Gattung auch in der Nachkriegszeit für die westlichen Alliierten zu dem privilegierten Medium ihrer kulturpolitischen Erziehungspolitik.“

Mit unglaublichem Staunen liest man diese neue, bis dato unerhörte Erzählung, die antritt, all unseren liebgewonnenen Vorstellungen ein Ende zu bereiten. Nein! Das Hörspiel war ein Mittel der Gehirnwäsche: Das „gesamte literarische Hörspiel der 1950er und 1960er Jahre in der BRD und in Österreich“ wird von Bannasch jetzt als pure „verdeckte politische Propaganda“ enttarnt. Und all die Hörspielchefs à la Heinz Schwitzke (er war der „vielleicht einflussreichste Programmatiker“) wurden aus Washington ferngesteuert, den „radiopolitischen Vorgaben für eine breitenwirksame ästhetische Erziehung der Deutschen nach 1945“ folgend.

Was für ein Glück, dass der wackere Helmut Heißenbüttel mit seinem „Neuen Horoskop“ – sicherlich eine Anspielung auf dunkle Leaks-Kanäle, deren sich dieser Held 1968 bediente – der „propagandistischen Funktionalisierung durch die alliierte Kulturpolitik“ das erste Mal den Boden entzog. Und was für eine Offenbarung, das ganze Ausmaß unserer Verblendung nun in diesem Beitrag zu einem wissenschaftlich soliden Handbuch (mit mehr als 30 Artikeln verschiedener Autoren) aufgezeigt zu bekommen. Mit Bannaschs Aufsatz ist die Geschichte des Hörspiels neu geschrieben. Und man wird weitergehen. Nach dieser ihrer Enthüllung werden die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Hörspielprogramme neu gestalten müssen. Ihr Frauen und Männer in den Hörspieldramaturgien, sagt „Nein!“. Keine Sendeminute mehr für Wiederholungen der von Washington aus gelenkten Hörspiele der 1950er und 1960er Jahre! Der verschwörerischen Allianz von Umerziehung und Hörspiel muss ein Ende bereitet werden.

23.09.2020 – Hans-Ulrich Wagner/MK

` `