Für das Ansehen des Journalismus ganz gefährlich und problematisch

14.05.2021 •

Eine Passage aus der Radiosendung „SWR 1 Leute“ vom 13. Mai 2021 (Christi Himmelfahrt) im Programm SWR 1 Rheinland-Pfalz (10.00 bis 12.00 Uhr). Zu Gast bei Moderatorin Katja Heinen war an diesem Tag Constantin Schreiber, 41, Sprecher bei der ARD‑„Tagesschau, und sie sprachen unter anderem über Journalismus:

Constantin Schreiber: Bei den meisten Medien, ob das jetzt Nachrichten sind oder auch politische … oder Nachrichtenmagazine und so weiter, da würde ich schon sagen, da fühlen sich die Menschen den klassischen journalistischen Arbeitsweisen verpflichtet. Das kann ich aus meiner unmittelbaren Umgebung ganz klar so sagen. Aber ich sehe einzelne, schwierige Ansätze, die leider aber auch zunehmen und die vor allem – das muss ich leider sagen – bei jüngeren Kolleginnen und Kollegen zunehmen.

Katja Heinen: Nämlich?

Constantin Schreiber: Na, ja, dass Leute Journalist werden, weil sie sagen: Ich will was verändern. So, erstmal mit diesem Ansatz. So, und dann auch tatsächlich gibt’s ja für einzelne, die dann irgendwie bei den Grünen volontiert haben und dann aber auch nur noch Artikel schreiben über die Grünen und, wie ich finde, tatsächlich auch sehr, sehr positiv verortet, grundsätzlich. Oder, ja, ich meine, es ist ja schön, dass man Frau Baerbock interviewt – muss man ihr dann anschließend applaudieren? Also, es gibt auch sicherlich auf der anderen Seite des politischen Spektrums eine Tendenz, eben doch tatsächlich bestimmte Stimmen hervorzukehren und da mehr Raum zu geben für – keine Ahnung – konservativere Einschätzungen, ja, also das ist jetzt nicht nur, das ist nicht nur – wie soll ich sagen? – linke Journaille, die da stattfindet, sondern insgesamt so eine Tendenz, die ich sehe.

Katja Heinen: Dass sich Journalisten zu sehr gemein machen mit Politikern, meinen Sie?

Constantin Schreiber: Ja, oder zumindest mit einer Überzeugung … Wenn ich mir sogenannte junge Angebote anschaue, ob das jetzt von der „Süddeutschen“ ist oder von anderen Medien, also, wenn man nur  das liest – vielleicht, wenn man noch andere Medien konsumiert, dann relativiert sich das –, aber wenn man nur auf Seiten wie diesen jungen Angeboten unterwegs ist, frag’ ich mich schon: Was für ein Weltbild bekommt man denn da? Da gibt es einzelne Rubriken nur über Gendergerechtigkeit, über Transsexualität und Klimakrise, also, da findet, sagen wir, eine politische Berichterstattung aus einer anderen, aus einer zurückgenommeneren Sicht eigentlich nicht mehr wirklich statt. Da geht’s wirklich nur noch um Haltung, um Überzeugung, um... Oder wie der „Stern“ jetzt auch sagt, sie möchten jetzt „aktivierenden Journalismus“ machen. Was ich nicht nur schwierig für den „Stern“ finde – was sie mir ihrer eigenen Marke machen, müssen sie ja wissen, ja –, aber für das Ansehen des Journalismus in einer Situation, wo wir jetzt schon sind, wo es eine große Medienskepsis gibt allgemein, ganz, ganz, ganz gefährlich und problematisch. Also, nochmal, das sind noch einzelne Beispiele, die ich jetzt aber auch klar benenne, weil ich finde, man muss da auch mal drüber sprechen. Aber im Moment würde ich doch sagen, die ganz überwiegende Arbeit von Journalisten ist noch den klassischen Grundsätzen verpflichtet. Aber, eben, man muss mal drüber reden, wo das hingeht.

Als ein Schwerpunkt in der Sendung wurde über Constantin Schreibers Roman „Die Kandidatin“ gesprochen. Darin beschreibt er eine Gesellschaft, die völlig gespalten ist, es gibt ein „Vielfaltsförderungsgesetz“, dem zufolge Diversität verpflichtend ist, die bürgerliche Mitte nimmt immer weiter ab und eine Muslima will Bundeskanzlerin werden. Der Debütroman von Constantin Schreiber ist am 5. Mai im Verlag Hoffmann und Campe erschienen.

14.05.2021 – MK

` `