Fernsehdeutsch lernen mit One

25.05.2020 •

Anglizismensammler werden vom deutschen Fernsehen großzügig bedient. Ein schönes Beispiel dazu liefert ein Episodentitel der Reihe „Großstadtrevier“: „Absolute Anfänger“ (die Folge lief am 4. Mai im Ersten). Wir erinnern uns: „Absolute Beginners“ ist ein Roman des britischen Autors Colin MacInnes, der 1986 von Julien Temple verfilmt wurde. David Bowie lieferte den Titelsong. Aus diesem popkulturellen Umfeld wanderte der Begriff in die Sexualwissenschaft ein.

Beim „Großstadtrevier“ war etwas anderes gemeint. Man muss allerdings einräumen: Die eigentlich zutreffende Redensart „Blutige Anfänger“, die die ARD für die Serienfolge hätte wählen müssen, wurde vor einigen Monaten vom ZDF besetzt, das am 29. Januar eine Krimiserie unter diesem Titel startete (vgl. MK-Kritik).

Andere Begriffe aus der Fernsehwelt werden schon gar nicht mehr an die deutsche Sprache angelehnt, sondern direkt, vor allem aus dem Englischen, übernommen. Wer auf sich hält, spricht vom Producer, Showrunner, Writer’s Room. Auch die Stabangaben deutscher TV-Produktionen sind mit dergleichen Termini gespickt, die deutschen Begriffe offenbar in Vergessenheit geraten. Woraus sich gelegentlich Missverständnisse ergeben, aber das ist ein anderes Thema.

Doch siehe – es gibt Ausnahmen! Vom 26. März bis 21. Mai (jeweils donnerstags, ab 21.45 Uhr) lief im vom WDR verantworteten ARD-Spartenkanal One die köstliche französische Serie „Call My Agent!“ (Originaltitel: „Dix pour cent“) des öffentlich-rechtlichen Senders France 2, die sich satirisch mit dem Film- und Fernsehgeschäft unseres Nachbarlandes befasst. Schon der Vorspann verblüffte. Dort stand, und zwar genau so, wie hier geschrieben:

„Eine Serie produziert von Dominique Besnehard, Michel Feller, Harold Valentin, Aurelien Larger“ – „Eine Serie von Fanny Herrero“ – „Nach einer Idee von Dominique Besnehard, Michel Vereecken, Julien Messemackers und Fanny Herrero“. Richtig: Bis auf die jeweiligen Namen alles auf Deutsch. Verständlich sogar für Menschen, die nicht im Metier tätig sind.

Auch mit dem Abspann, den ja sonst eigentlich keiner guckt, hatte sich jemand viel Arbeit gemacht. „Erzählbögen: „Fanny Herrero, Benjamin Dupas, Éliane Montane und Géraldine de Margerie“. – „Berater in der Psychologie der Figuren: Violaine Bellet.“ – „Bühnenbild“, „Kostüme“, „Ton“ und so weiter. Auch der Verantwortliche für die „Hundedressur“, der „Geräuschemacher“ und selbst die Gestalter des „Abspanns“ werden aufgeführt. Nur das „Casting“ hatte sich auch hier eingeschlichen, dürfte aber dank sogenannter „Castingshows“ (früher: „Talentshows“) mittlerweile allgemeinverständlich geworden sein. Jedenfalls bekommt man beim Betrachten eines solchen Abspanns plötzlich Lust, verstärkt auf solche Stabangaben zu achten.

Davon abgesehen: Diese französische Serie anzuschauen (deutsche Fassung: Violetmedia GmbH), lohnt sich allein schon wegen der Mitwirkung vieler hochkarätiger Stars wie Isabelle Adjani, Juliette Binoche, Fabrice Luchini, Françoise Fabian, Christopher Lambert, Monica Bellucci, Guy Marchand und viele mehr. Die Serie, die aus drei Staffeln à sechs Folgen besteht, kann noch in der ARD-Mediathek abgerufen werden. Auf Deutsch und in der französischen Originalfassung.

25.05.2020 – Harald Keller/MK

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