Eine mögliche neue 15‑Minuten‑Leiste nach der „Tagesschau“

09.05.2018 • «Es ist auch mein Eindruck, dass wir insgesamt – ob Medien oder Politik oder Wirtschaft, Wissenschaft – uns wieder stärker bemühen müssen, die Grundlagen, die grundlegenden Entscheidungen unseres Landes zu vermitteln. Man kann nicht alles als bekannt voraussetzen. Manche Dinge, die sozusagen geschichtlich auf den Weg gekommen sind, Gott sei Dank unter dem Aspekt ‘Nie wieder Diktatur’, ‘Nie wieder ein Angriffskrieg aus Deutschland heraus’, verblassen im Laufe der Zeit. Und manches Erfahrungswissen verschwindet auch in der Gesellschaft. Und ich glaube, dass wir da auch wirklich wieder ranmüssen, auch als Medien. Stärker zu erklären: Warum ist eigentlich was wie? Wie ist es gewachsen? Wie ist es zustande gekommen? Und es auch noch stärker erläutern müssen. Wir haben es bei uns jetzt versucht mit dem Angebot auf ARD-Alpha, „Alpha Demokratie“, dass wir immer vor den Nachrichten ein Thema schwerpunktmäßig vertiefen, was allein nur durch das Verfolgen der „Tagesschau“ nicht wirklich verstanden wird. Und ich arbeite auch an einem zweiten Thema, nämlich dass wir auch im Massenprogramm, im Ersten Deutschen Fernsehen, tatsächlich, wenn Themen den Leuten so fast um die Ohren geknallt werden, dann zumindestens in 15 Minuten das verlässlich erklären. Also, nehmen wir jetzt einmal an, das Thema ‘Streit in Handelsfragen/Zölle’ – dann hören die Leute Dinge wie „Strafzölle“ und so weiter. Und die Leute fragen sich mit Recht: ‘Ist ein Strafzoll was anderes als ein Zoll. Darf man überhaupt einen Zoll erheben? Wie wirkt denn das?’ Und so weiter. Und da ist der Bericht von zwei Minuten in der „Tagesschau“ nicht genug. Ich würde mir auch an solchen Tagen wünschen, dass man in 15 Minuten gleich um 20.15 Uhr das erklärt – das ist ja kein „Brennpunkt“, weil in dem Sinne keine „Breaking-News“-Situation ist, aber dass man trotzdem einfach sowas vermittelt, also im besten Sinne dann Grundbildung vermittelt zu wichtigen Themen. Das kann auch etwas anderes sein, etwa wenn ein Unfall mit einem selbstfahrenden Auto passiert, dann fragen sich die Leute doch auch: ‘Ist sowas bei uns erlaubt? Gibt’s das bei uns? Wird daran gearbeitet? Welche Maßgaben gäbe es dann?’ Das bringen Sie in 90 Sekunden in den Hauptnachrichten allein nicht unter. Aber man könnte aus so einem Anlass heraus, wenn wir so eine Leiste hätten im Ersten, sowas dann durchaus spannend in 15 Minuten erzählen.»

Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR) und Vorsitzender der ARD, am 17. April 2018 bei einer von der Akademie für politische Bildung (Tutzing) veranstalteten öffentlichen Diskussion im Bayerischen Landtag in München. Das Thema der Diskussion lautete: „Medien in der Krise: Welche Zukunft hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk?“ MK

09.05.2018 – MK

Print-Ausgabe 21/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren